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Mittwoch, 21.10.2026 um 07:32

Pferdesport – wo willst du hin?

v.r. Tierarzt und Gastgeber Benjamin Graveley, Lotta Katrina Hinz, Viktoria Laufkötter, Moderatorin Marion Kynaß, Markus Lämmle.  /  © Stellberger

Der Saal im Hopfengut bei Tettnang war komplett ausverkauft, als Tierarzt Benjamin Graveley zum „Forum Pferdekompetenz“ eingeladen hatte. Das zeigt: Die Pferdeleute im Land sind sensibel und wollen ihren Sport positiv in die Zukunft bringen. Graveleys Motiv: Austausch über alle Facetten des Pferdesports. Teilnehmer waren: Viktoria Laufkötter von der FN (Pferdesport Deutschland), Ressortleiterin Sport, dazu Lotta Katrina Hinz, Bereiterin und Ausbilderin aus Nettelsee in Schleswig-Holstein sowie Markus Lämmle, Chef der Landesreitschule in Marbach. Moderiert wurde der vierstündige Nachmittag von Marion Kynaß, Journalistin aus Wolfegg.

Sonderpreis für gutes Abreiten

 Benjamin Graveley richtet das „Forum Pferdekompetenz“ aus, weil ihm das Pferdewohl besonders am Herzen liegt. Er scheut sich nicht, aktuelle Themen aufzugreifen. Anlass für das Thema „Pferdesport – wo willst du hin?“ waren die Schlaufzügelbilder des deutschen Reiters Christian Kukuk, die vor nicht allzu langer Zeit viral gingen. Wie ernst dem Tierarzt die Sache ist, zeigt sein „Sonderpreis für gutes Abreiten“, den er für das Turnier in Krumbach ins Leben gerufen hat. Er will mit seinem Forum beitragen, Wissen rund ums Pferd zu vermitteln – an der Basis, wie er betonte, denn die Basis habe wenig Berührung mit dem Spitzensport. Ihn treibt die Sorge, dass der Pferdesport leidet. Die Gäste sollen Kontakte knüpfen und eine Gesprächsbasis schaffen. Ein „Sorgenpunkt“ dabei sind die sozialen Medien, die „keine Hilfe sind, zuspitzen, kein Wissen und keine Hilfen vermitteln.“ Im Mittelpunkt aber müsse das Pferd stehen und nicht die Sensation. Wie der Pferdesport in der breiten Gesellschaft wahrgenommen werde, bereite ihm deshalb Sorgen, denn es geht darum: „Für das Wohl der Pferde - Zeit für einen Wandel!“

Außendarstellung und positive Wahrnehmung

Marion Laufkötter betonte das Tierwohl. Das Pferd sei kein Fahrrad, verlange aber viel Arbeit der Pferdefreunde in der Kommunikation. Die Außendarstellung, die positive Wahrnehmung des Pferdesports in der Gesellschaft sei nötig, damit Pferdesport nicht als Tierquälerei verunglimpft wird. Das Bewusstsein der Bürger habe sich vielfach verändert, denn „viele sehen uns kritischer als früher. Früher toller Sport – das Bild hat sich verschoben.“

Woran das liegt, erläuterte Markus Lämmle. „Das Bewusstsein für den Tierschutz hat sich gesteigert. Mich ärgern deshalb die Schlagzeilen. Muss das so sein?“ fragt er und: „Die Traditionen des Pferdesports und seine Wurzeln werden am Haupt- und Landgestüt Marbach gepflegt. Und Geld spielt im Pferdesport aber auch eine Rolle. Wir brauchen beides – Turniersport und Freizeitsport!“ Viel zu viele Leute nehmen negative Momente als Impuls auf und befördern die Kritik. „Wir müssen die Bürger mitnehmen in unseren Sport, gerade weil sich die Gesellschaft gewandelt hat. Die früheren alten Lebensweisen und Erfahrungen der ländlichen Familien mit Pferden gibt es nicht mehr.“

Unter dem Brennglas der Beobachtung

Tierarzt Graveley unterstrich: „Der Pferdesport steht unter einem Brennglas der Beobachtung!“ Es nütze nichts, ins Ausland zu schauen, wo es untragbare Zustände gäbe in der Pferdehaltung. Die Maßstäbe müssen hierzulande angelegt werden, ohne die Missstände andernorts zu ignorieren. „Wir müssen hier unser Verhältnis zu den Pferden erklären und die Gesellschaft mitnehmen. „Wir müssen zuhören, aus unserer Blase heraus und den Breitensport fördern! Jeder muss seine Sache so gut machen wie möglich.“ Viktoria Laufkötter beklagte, dass die sozialen Medien massiv Negatives verbreiten, vieles schnell hypen. „Wir müssen darauf reagieren mit unserer Außendarstellung!“ Die Vereine und Veranstalter sind gefordert, ihre Arbeit nach außen zu transportieren und damit auch transparent zu machen.

Graveley macht das deutlich: In Aachen waren die Ränge zur WM voll aber teilweise auch schwach besetzt. Wo der Pferdesport als Show oder Spektakel erlebt wird, zeigen die Besucherzahlen: „Die Geländestrecke der Vielseitigkeit in Aachen war voll von Besuchern, ein Grand Prix aber war schwach besucht. Influencer beherrschten die sozialen Medien und bei Messen, wie der Pferd Bodensee, stehen die Leute Schlangen vor deren Autogrammtischen, während die Vorstellungen des „8er Teams“ in der Halle nebenan gerade mal 300 Zuschauer hat. Wir müssen einen Mittelweg finden!“ Der Fokus müsse aufs Pferd gerichtet sein, nicht aufs Spektakel. Markus Lämmle: „Die Faszination Pferd lebt und wir müssen die Menschen früher abholen. In Marbach erleben wir das intensiv, weil viele Veranstaltungen ausverkauft sind.“

Der Spannungsbogen müsse geschaffen werden vom Turniersport über den Breitensport zur Basisarbeit! Man dürfe sich aber keine Illusion machen: „Der große Faktor ist das Geld. Turniersport ist sehr teuer und auch der Freizeit- und Breitensport mit Pferden ist teuer!“ Alle zusammen müssten in eine Richtung schauen, „sonst betrachten wir Pferde eines Tages nur noch in der Wilhelma!“

 

 

Die Podiumsdiskussion in Tettnach war bis auf den letzten Platz besetzt  /  © Stellberger

Pferdehaltung ist nicht nach Uhrzeit zu haben

Das Thema Schulpferde und deren passende Förderung war ein Thema, das auch mit dem Publikum diskutiert wurde. Trainer- und Berufsausbildung standen hier im Blick: In Marbach sind die Lehrgänge ausgebucht, die Bewerberzahlen für die Ausbildungsberufe liegen bei 300 und “wir können sie uns aussuchen“, erklärt Lämmle. Er begreife aber andererseits nicht, dass erwachsene Leute Hobby Horsing machen. „Das ist merkwürdig, für die Kinder aber o. k.“ Lämmle betonte, dass die Berufe rund ums Pferd Leidenschaft sein müssten, zugleich aber ordentlich bezahlt werden und die Arbeitszeit muss gut geregelt sein.“

Pferdehaltung sei aber nicht einfach nach Uhrzeit zu haben. „Viele bilden gut aus. Die Abbrecherzahlen seien aber dennoch hoch und viele würden nach der Ausbildung andere Wege einschlagen oder studieren. Man muss schauen, dass man die besser halten kann.“ Lämmle forderte von den Berufsreitern, mehr auszubilden und die Leute dann auch zu halten. Hier zeige sich für die Ausbilderin Lotta Hinz der Wandel in der Pferdefamilie: „Das Wissen über Pferdepflege und Umgang gibt es heute bei vielen Leuten nicht mehr. Die Basisausbildung fehle zu oft in der Tiefe. Aber gute Tierhaltung gehört dazu.“ Lämmle ergänzte: Der Markt verlange, was der Sport verlangt. Jedoch: „Züchten wir noch gesunde Pferde?“, werde hier oft gefragt. „Die Pferdezucht ist das Opfer ihres eigenen Produkts geworden. Die Ansprüche an die Zucht sind gewachsen, die Pferde sind sensibler und für den Sport besser geeignet, aber eben nicht mehr für jedermann reitbar.“ Benjamin Graveley lenkte die Gedanken der Besucher auf jene Zeit, als die Pferde die Woche über vor dem Pflug oder Wagen gingen und am Sonntag geritten wurden oder zur Kirche vor dem Wagen gingen!“ Die seien meist gesund geblieben.

Umstrukturierung in Richtung Breitensport

Die Themenpalette erweiterte sich mit Viktoria Laufkötters Meinung: „Pferdesport ist nicht Turniersport allein. Pferdesport Deutschland habe bei der Umstrukturierung deshalb den Breitensport extra betont, denn „ohne die ganz unten an der Basis geht es nicht!“ Zielgruppe seien auch die „nichtorganisierten“ Reiter. Sie betonte, die Vereine und Betriebe, die noch Schulpferde besäßen, müssten gefördert und andere ermuntert werden, Schulpferde zu unter-halten. „Sonst bricht die Basis weg.“ Viele Kinder wollten reiten, aber man müsse mehr Angebote schaffen.

Geht es ums Reiten oder um Farbe?

Die Pferdezucht nahm ein weiteres Thema ein: Einstiegsbild war eines der aktuellen „Tigerscheck-Fohlen“. Graveley: „Wohin wollen wir mit der Pferdezucht? Geht es ums Reiten oder um Farbe? Die Tigerschecken sind ein netter Nebeneffekt, aber nicht das Ziel!“ Derartige Genpools würden sich verfestigen und man bekomme sie nicht mehr aus der Zucht heraus, erklärte er am Rande der Gespräche. Lämmle betonte, am Haupt- und Landgestüt  würde man dieser Mode nicht nachlaufen. Wichtig sei das gesunde Allround-Pferd, ohne den Bedarf für den Turniersport zu negieren.

Tierarzt Graveley sagte dazu, die Zucht sei spezialisiert. Er aber wolle das gute Gebrauchspferd, „da sollten wir hin. 80 Prozent könnten die aktuellen Sportspezialisten nicht nachreiten.“ Lotta Hinz ergänzte aus Sicht der Ausbilderin: „Wir brauchen das gesunde, stabile Pferd, das für den normalen Reiter geeignet ist. Freizeitreiter finden derzeit nicht das geeignete Pferd. Die modernen Pferde sind zu sensibel und leistungsorientiert und keine Allrounder.“ Pferde seien auch nach Meinung der Besucher sehr teuer, und der „Pferde-TÜV“ mache die Sache nicht einfacher. Lämmle: „Pferde kommen nicht als Allrounder und nicht als Schulpferde zur Welt. Sie müssten gut für ihre Zwecke ausgebildet werden. Sie werden bei uns geritten, gefahren und gehen in der Reitschule, wenn sie nicht mehr im Sport sind. Unsere Schulpferde dürfen zudem nicht verkauft werden, weil unsere Arbeit drinsteckt.“ Jedoch, sagt Graveley, die Ankaufsuntersuchungen finden auf Wunsch der Käufer statt und man könne heute alles röntgen und immer etwas finden. Das mache die Pferde auch teuer.

Auch private Reitschulen sollten Förderung bekommen

Aus dem Publikum kam der Vorschlag, dass auch private Reitschulen eine Förderung bekommen sollten, denn die Kosten sind bei ihnen genauso hoch wie in den Vereinen. Da wies Lämmle auf die Schulpferdebörse hin. Doch das Interesse sei überschaubar. Er appellierte an die Besucher, die Schulpferdebörse stärker zu beachten und zu nutzen. Eine Besucherin monierte mit Blick auf die Zucht, die Suche nach guten Pferden sei auch deshalb problematisch, weil viele Pferde untereinander verwandt seien. Das sei aus Züchtersicht ein Problem. Lotta Hinz beklagte, dass sich Pferdefreunde bei der Suche nach einem Pferd selbst über- oder das Zielpferd falsch einschätzten. Sie empfahl, einen sachkundigen Begleiter mitzunehmen.

Wir ziehen die schwarzen Schafe aus dem Verkehr!

Ein weites Feld waren die Regeln in der LPO (Leistungsprüfungsordnung). Dabei ging es u. a. um das Eingreifen von Richtern auf dem Vorbereitungsplatz. Viktoria Laufkötter betonte, es gehe nicht darum, eine Momentaufnahme zu kritisieren. Die Richter würden geschult und auf-gefordert, einzugreifen, wenn sie unsachgemäßes Reiten sehen, zunächst zur Selbstreflektion der Reiter. Aber es gäbe auch schärfere Maßnahmen: „Und die Reiter wissen das! Wir ziehen die schwarzen Schafe aus dem Verkehr!“ Graveley ergänzte: „Auffällige“ Zäumung müssten auch die Richter erklären können. Er erläuterte, dass Vorkommnisse bzw. Verletzungen auf den Vorbereitungsplätzen „ins System aufgenommen“ würden. Betroffene Reiter würden beim nächsten Turnier vorzugsweise kontrolliert, denn „bestimmte Bilder dürfen einfach nicht vorkommen!“ Im Übrigen sei der Einsatz „schweren Gebisszeugs ein Zeichen für mangelnde Ausbildung!“ Lämmle forderte: „Das muss auch bei der Arbeit zu Hause eingefordert werden mit mehr Courage. Reiter müssen den Mut haben, einen anderen Reiter anzusprechen, wenn es notwendig erscheint. Aber man müsse das Gesamtbild erfassen und erkennen, was negativ ist.“ Tierarzt Graveley lenkte den Blick abschließend auf die Ausbildung aus tiermedizinischer Sicht. Das Pferd sei nicht zum Reiten gebaut. Deshalb muss das Reitpferd nach der klassischen Reitlehre befähigt werden, die Aufgaben zu erfüllen. Alles, was ein-geschnallt wird, sei ein Problem, deshalb: „Die gute Ausrüstung ist der Maßstab.“ Markus Lämmle habe Recht, sagt der Tierarzt: „Zu Hause beginnt das korrekte Reiten!“ Viktoria Laufkötter erklärt dazu: Es komme sehr auf den Umgang mit den Gebissen an. Reiterliches Können verhindert auch ein angegriffenes Pferd! Das zu beurteilen ist Aufgabe der Richter. „Die müssen im Zweifel auch mal abläuten, auch wenn viele Zuschauer da sind!“

Drei Wünsche

Abschließend fragte Moderatorin Marion Kynaß nach einem Wunsch für die Reiterei: Viktoria Laufkötter: „Ich wünsche mir, dass die Richter die Regeln konsequent durchsetzen, mit Finger-spitzengefühl aber konsequent. Zudem sollen die Veranstalter die vielen Möglichkeiten der LPO für die Turniergestaltung nutzen und in ihren Vereinen Änderungen im Sinne des Zuschauerinteresses durchsetzen.“ Markus Lämmle wünscht sich einen Austausch von Rich-tern, etwa von Hamburg nach Oberschwaben und umgekehrt, „auch wenn ich weiß, dass das so im Detail nicht Wirklichkeit wird.“ Lotta Hinz wünscht die Platzierungsregeln so zu gestalten, dass auch mal niemand platziert werden kann, wenn die Leistungen durchgehend nicht gut sind.“

Für Benjamin Graveley war der gute Besuch des „Forums Pferdekompetenz“ ein motivierender Moment. Das Forum werde weiterhin Themen aufgreifen und er hoffe, dass die Themen durch die Besucher positiv hinausgetragen werden: „Pferde bedürfen einer guten, artgerechten Ausbildung, die dem Tierwohl entspricht und es fördert.“                               Martin Stellberger

 

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