WM Aachen: Drei Nullrunden für Deutschlands Springreiter und ein kleiner Wermutstropfen
Deutschlands Springreiter erwischten bei der FEI World Championship in Aachen einen starken Auftakt und liegen aktuell in Führung. Doch ausgerechnet Hoffnungsträger Richard Vogel und sein Ausnahmepferd United Touch S mussten einen ärgerlichen Hindernisfehler hinnehmen.
Das 1,55 Meter hohe Zeitspringen um den Turkish Airlines Preis zählt nicht nur für die Mannschafts- sondern auch für die Einzelwertung. Fehler und Zeit werden dabei in Punkte umgerechnet. Der schnellste Reiter erhält null Strafpunkte, alle weiteren nehmen die entsprechende Differenz mit in die nächste Wertung. Bundestrainer Otto Becker hatte die Prüfung im Vorfeld deshalb als eine Art „vorweggenommenes Stechen“ beschrieben – jede Sekunde kann am Ende entscheidend sein.
Als erster deutscher Mannschaftsreiter hatte Marcus Ehning keine leichte Aufgabe. Der erfahrene Championatsreiter musste zudem als allererster Starter in den Parcours. „Als Erster reiten zu müssen, war nicht gerade meine Wunschvorstellung. Es macht es sicherlich einfacher, wenn man schon ein paar angeschaut hat. Aber da kann man hin- und herdiskutieren, einer muss eben anfangen“, brachte es Ehning auf den Punkt. Dennoch gelang dem Borkener im Sattel seines 13-jährigen Holsteiners Coolio ein makelloser Auftakt: „Coolio fühlte sich fantastisch an – er ist wahnsinnig sicher und gut gesprungen. Es war eine solide Runde, aber es war jetzt nicht die letzte Endgeschwindigkeit.“
WM-Auftakt nach Maß
Als nächstes ging Sophie Hinners an den Start, bis dahin lag Ehning auf Rang vier. Die WM-Debütantin drehte mit dem Schwedischen Warmblüter Iron Dames Singclair eine Runde wie aus dem Bilderbuch, stilistisch dabei vom Allerfeinsten. Es war wahrhaftig ein perfekt gerittenes Zeitspringen: Die ersten Hindernisse ging die 28-Jährige noch aus der Ruhe heraus an und machte sich dabei den frequenten Galopp des Singular LS La Silla-Sohnes bestens zunutze. Anschließend wendete Hinners bereits eng herum in die Spitzkehre einens luftig gebauten Plankensteilsprungs. In die schwungvoll hereingekommene Doppelwasser-Kombination parierte sie den Braunen gefühlvoll mit der Stimme, Iron Dames Singclair reagierte prompt auf die Signale seiner Reiterin. Auch die Schlusslinie meisterte das Paar vom Feinsten. Fehlerfrei und in der neuen Bestzeit von 72,28 Sekunden übernahm Hinners die Führung. „Ich würde nicht unbedingt sagen, dass wir volles Risiko eingegangen sind. Wir hatten uns einfach im Voraus einen Plan gemacht, der am besten für Sinclair gepasst hat – und dieser ist voll aufgegangen. Wir waren beide sehr konzentriert, haben unseren Plan befolgt und er hat super mitgemacht. Daher bin ich sehr glücklich darüber, wie das gelaufen ist“, lautete das Resultat ihres Rittes. Damit hatte Sophie Hinners einmal mehr unter Beweis gestellt, warum sie zum WM-Team gehört!
Mit Daniel Deußer und dem belgischen Hengst Otello de Guldenboom folgte die nächste fehlerfreie Runde für Team Deutschland. Zügig und ohne Abwurf kam das Paar ins Ziel und reihte sich mit 72,32 Sekunden im Zwischenranking gleichauf mit Steve Guerdat aus der Schweiz auf Rang zwei ein. „Das ist absolut das Ergebnis, das man sich erhofft hat. Mit drei Nullrunden und einem guten Teamergebnis ist das erstmal eine Erleichterung, aber morgen geht es weiter. Belgien und Großbritannien sind auch schon mit drei Reitern gut ins Ziel gekommen, es liegt also alles ganz knapp zusammen“, so der 45-Jährige. Zwischendurch hatte Mannschaftsolympia-Sieger Ben Mayer mit der Holländer-Stute Hello Mango, einer Tochter des Untouchable, die Führung übernommen.
Enttäuschung bei Richie Vogel
Zuletzt lagen alle Hoffnungen auf Richard Vogel und seinem außergewöhnlichen United Touch S. Der Westfalen-Hengst sprang vom Allerfeinsten: kraftvoll, energisch und dynamisch. Eben genau so, wie man es von ihm gewohnt ist. Und auch am heutigen Tag zeigte der Untouched-Sohn einmal mehr, wie sehr er die Atmosphäre im Aachener Hauptstadion genießt.
Lange sah es danach aus, als würden Richie Vogel und United Touch die Sensation perfekt machen und die vierte Nullrunde für Deutschland beisteuern. Doch dann passierte es: In der vorletzten Linie nach dem mächtigen Mercedes-Oxer entschied sich der 29-Jährige entgegen allen Erwartungen für sechs statt fünf Galoppsprünge – und ausgerechnet dort fiel die Stange.
„Ich bin ehrlicherweise ziemlich enttäuscht von mir selbst. United sprang unglaublich und hat mir ein abnormales Gefühl gegeben. Dann kam es in der vorletzten Linie zu einem Reiterfehler meinerseits und ich habe einen Galoppsprung zu viel gemacht. Der klare Plan für mein Pferd war es, fünf zu machen. Ich habe einen Moment zu viel gewartet und habe dann noch einen sechsten Galoppsprung eingebaut. Das war weder der Plan, noch hat es meinem Pferd gelegen und so kam es eben zum Hindernisfehler. Ich hoffe, wir können in den kommenden Tagen etwas mehr zum Teamerfolg beitragen“, resümierte der Europameister nach seiner Runde.
Im letzten Teil der Prüfung mischten Harrie Smolders mit Mr. Tac sowie der fliegende Franzose Julien Epaillard im Sattel von Fringan de Vesquerie die Spitze noch einmal auf. Epaillard setzte sich an die Spitze, Smolders belegte Rang zwei. Sophie Hinners beendete das Zeitspringen damit als beste Deutsche auf Rang vier, direkt gefolgt von Daniel Deußer auf Platz fünf. In der Mannschaftswertung übernahm Deutschland die Führung vor den Nachbarn aus Belgien und den USA auf Rang drei. Doch noch ist nichts entschieden!
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