Neuausrichtung im Reit- und Fahrverein Göppingen – warum der Reitschulbetrieb eingestellt wurde
Der Reit- und Fahrverein Göppingen blickt auf eine lange Tradition im Reitsport zurück und ist seit vielen Jahren sowohl regional als auch überregional aktiv. Mit Turnierveranstaltungen und einem vielfältigen Vereinsleben ist der Verein ein fester Bestandteil der Reitsportszene. Umso einschneidender war die Entscheidung, den Reitschulbetrieb zum 30.04.2026 einzustellen. Diese Entscheidung wirft teils auch Fragen auf – insbesondere vor dem Hintergrund, dass Reitschulbetriebe aktuell auch gut ausgelastet sind, Wartelisten führen und wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. Jedoch gibt es auch mehrere Vereine, welche ebenfalls Schwierigkeiten hatten bzw. immer noch haben.
Es sind meist unterschiedliche Ausgangssituationen
Die Entwicklung in Göppingen zeigt, dass diese allgemeine Betrachtung nicht auf jeden Standort übertragbar ist. Der Reitschulbetrieb war in den vergangenen Jahren leider von einer Vielzahl an Herausforderungen geprägt. Neben personellen Engpässen und häufigen Wechseln im Bereich der Reitlehrer kam es auch auf Pferdeseite zu erheblichen finanziellen Belastungen. Wiederkehrende Erkrankungen im Schulpferdebestand, hohe Tierarztkosten sowie einzelne Fehlkäufe führten zu zusätzlichen wirtschaftlichen Belastungen. Gleichzeitig konnte der Bedarf an Reitunterricht nicht immer gedeckt werden, da zeitweise nicht ausreichend geeignete Schulpferde zur Verfügung standen.
Diese Faktoren haben sich über Jahre hinweg summiert und dazu geführt, dass der Reitschulbetrieb sowohl organisatorisch als auch wirtschaftlich nicht stabil geführt werden konnte.
Transparenter Entscheidungsprozess
Die Entscheidung zur Einstellung des Reitschulbetriebs war das Ergebnis eines intensiven und transparenten Prozesses.
In mehreren Mitgliederversammlungen wurden die wirtschaftlichen Hintergründe offen dargelegt. Ergänzend wurde eine anonyme Umfrage durchgeführt, um ein realistisches Stimmungsbild zu erhalten. Die Auswertung zeigte deutlich:
Zwar bestand bei vielen Mitgliedern und Reitschülern der Wunsch, den Schulbetrieb zu erhalten. Gleichzeitig war jedoch die Bereitschaft, die hierfür notwendigen wirtschaftlichen Anpassungen mitzutragen, nur sehr begrenzt vorhanden. Für eine wirtschaftlich tragfähige Fortführung wäre jedoch erforderlich gewesen, die Preise anzupassen und gleichzeitig eine stabile Teilnehmerzahl zu halten. Ein Rückgang der Reitschüler hätte das bestehende finanzielle Defizit weiter vergrößert. Vor diesem Hintergrund war eine nachhaltige Fortführung des Reitschulbetriebs nicht darstellbar.
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht blieb daher nur die konsequente Entscheidung, den Reitschulbetrieb vom Verein zu entkoppeln, um eine strukturelle und finanzielle Sanierung zu ermöglichen. Es wurden Maßnahmen zur Stabilisierung beschlossen, darunter Anpassungen im Bereich des Pensionsbetriebs, welche aber nicht über dem marktüblichen Niveau liegen.
Ein wesentlicher Bestandteil der Neuausrichtung ist die stärkere Einbindung fachlicher Kompetenz. Seit dem 18. März 2026 unterstützt ein eigens eingesetztes Finanzgremium aus den Mitgliedern den Vorstand. Die Mitglieder haben die bestehenden Zahlen umfassend aufgearbeitet, Planungen neu strukturiert und Sanierungskonzepte entwickelt. Dazu zählen unter anderem detaillierte Liquiditätsplanungen, Forecasts sowie ein laufendes Controlling, das künftig dauerhaft etabliert werden soll. Durch diese Struktur werden Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt und das ehrenamtliche Engagement gezielt gestärkt.
Fokus auf Stabilität
Der Verein richtet seinen Fokus nun klar auf den Ausbau eines wirtschaftlich tragfähigen Pensionsbetriebs. Darüber hinaus wird der sportliche Bereich gezielt weiterentwickelt.
Geplant sind unter anderem:
- Förder- und Trainingslehrgänge, auch für Kinder und Jugendliche
- die Zusammenarbeit mit externen Trainern
- Seminare und fachliche Veranstaltungen (im Casino und der Reithalle)
- die Weiterentwicklung des Turniersports mit einem klaren Fokus auf Qualität
Ziel ist es, den Verein sowohl regional als auch überregional wieder stärker zu positionieren und eine nachhaltige sportliche Plattform zu schaffen. Parallel zur wirtschaftlichen Neuausrichtung arbeitet der Verein intensiv an der Verbesserung der Rahmenbedingungen im täglichen Betrieb. Dazu gehört die kontinuierliche Optimierung der Haltungsbedingungen für die Pferde sowie die Weiterentwicklung des Angebots für Einsteller.
Trotz der aktuellen Entscheidung bleibt die Reitschule ein Thema für die Zukunft. Langfristig ist es das Ziel, wieder Angebote im Bereich der Nachwuchsarbeit aufzubauen – dann jedoch auf einer stabilen wirtschaftlichen und organisatorischen Grundlage.
Der Reit- und Fahrverein Göppingen sieht die aktuelle Phase als Chance zur Neuaufstellung. Die Verantwortlichen sind zuversichtlich, dass die eingeleiteten Maßnahmen greifen werden – vorausgesetzt, Mitglieder, Einsteller und Unterstützer ziehen gemeinsam an einem Strang.Die Entscheidung zur Einstellung des Reitschulbetriebs war ein schwieriger, aber notwendiger Schritt. Sie steht für verantwortungsvolles Handeln mit dem Ziel, den Verein und den Reitstall langfristig zu sichern und ihm eine stabile Zukunft zu ermöglichen. (PM)
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