Xenophon-/PM-Seminar in Marbach „Mit Leichtigkeit Pferde ausbilden und gymnastizieren“
Das Haupt- und Landgestüt Marbach war Anfang März Gastgeber für ein Praxisseminar anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von Xenophon e.V., Verein zum Erhalt und zur Förderung der Klassischen Reitkultur, zusammen mit den Persönlichen Mitgliedern der FN. Rund 350 Zuschauer wurden Zeugen, dass „Mit Leichtigkeit Pferde ausbilden und gymnastizieren“ bei Uta Gräf und Stefan Schneider nicht nur Theorie, sondern gelebte Praxis ist.
Grand Prix-Ausbilderin Uta Gräf hatte zwei Pferde mit nach Marbach gebracht, einen 15-jährigen Oldenburger Sandro Hit-Sohn mit Namen San Diamond („SD“), der mehrfach siegreich ist bis Intermédiaire I, und einen achtjährigen westfälischen Wallach v. Helium namens Herzenswunsch GE, der ebenfalls mehrfach S-platziert ist, im Training aber auch schon Elemente aus der Klasse S*** präsentiert. Gräfs Mann, Tierarzt und Handarbeitsexperte Stefan Schneider, war mit einem fertig ausgebildeten Lusitano angereist, mit dem er zeigte, wie er Pferde vom Boden aus erzieht und ausbildet. Moderiert wurde das Ganze von Reitmeister Martin Plewa.
Es muss nicht immer Grand Prix sein
Als erstes stellte Uta Gräf den Sandro Hit-Sohn SD vor. Er war das perfekte Beispiel, dass Losgelassenheit heiße Pferde gelassen und gemütliche Pferde fleißig macht. Zu Anfang schien es, als gehöre SD zu letzterer Kategorie. Doch nach wenigen Minuten des Lösens wurden seine Bewegungen fließend, raumgreifend und aktiv. Er suchte das Gebiss in balancierter Gebrauchshaltung ohne „abzutauchen“. Plewa: „Oft, wenn ich sehe, dass Reiter das Pferd mit der Hand tief holen wollen, frage ich sie, warum sie das machen. Die Antwort ist immer: um die Pferde zu lösen. Aber wo steht es in den Richtlinien, dass man lang und tief löst?“ Voraussetzung für Takt und Losgelassenheit sei vielmehr, dass im Gleichgewicht sind. „Das bedeutet, sie müssen ihr Tempo selbstständig halten können“, so Plewa.
Wobei „Tempo halten im Gleichgewicht“ nicht bedeutet, immer in einem Tempo und einer Gangart zu bleiben. Übergänge trugen wesentlich dazu bei, dass SD zunehmend losließ. Aber auf das Wie kommt es an. Gräf ließ den Wallach weich von einer Gangart in die nächste gleiten. Martin Plewa dazu: „Es ist in Vergessenheit geraten, aber früher stand in den Richtlinien sogar geschrieben, dass Paraden beim jungen oder noch nicht gelösten Pferd auslaufend zu reiten sind.“
Gräf ritt mit Headset und erklärte, was sie macht. Wann immer sie eine Hilfe gab und das Pferd reagierte, kommentierte sie: „… und jetzt nehme ich die Hilfe wieder weg.“ Das sei der Schlüssel, um die Pferden für die Hilfen zu sensibilisieren bzw. sensibel zu halten, so Gräf. Es entspricht dem Lernverhalten der Pferde, wie Plewa verdeutlichte. Permanenter Druck durch welche Hilfe auch immer, ergibt keinen Sinn für das Pferd. Und er macht auch nichts besser. Ein klemmender, ständig pressender Schenkel oder ein andauernd piekender Sporn führen lediglich dazu, dass das Pferd die Bauchmuskulatur anspannt, sich dadurch im Rücken fest macht und sich in den Bewegungen noch mehr verhält.
Gräf stellte SD in verschiedenen Lektionen der Klasse S vor. Sie berichtete: „Wir haben SD in einigen Inter-A-Prüfungen gestartet, und er hat sich sogar platziert, aber mir wurde schnell klar, dass ich zu viel Druck brauche, um Piaffe und Passage mit ihm zu reiten. Gemeinsam mit dem Besitzer haben wir entschieden, dass das nicht das ist, was wir wollen. Ein Pferd muss die Lektionen mögen und sie sollten sich einfach für das Pferd anfühlen. Ich reite viel lieber schön und mit gutem Gefühl, als mich auf einem bestimmten Niveau abzumühen.“
Ein Standpunkt, der Schule machen sollte – allerdings nicht nur bei den Reitern, sondern auch bei den Besitzern der Pferde.
Der Professor
Während Uta Gräf SD versorgte und ihr nächstes Pferd sattelte, kam Stefan Schneider in die Bahn und präsentierte seinen 23-jährigen Lusitano-Hengst. Er nannte das Alter des Pferdes nicht und würde man ihn nicht kennen, hätte man auch nicht vermutet, dass XL Do Pinheiro bereits ein Herr im Seniorenalter ist. Schneider benutzte ein spezielles Zaumzeug für ihn, bei dem er zwar ein Gebiss im Maul hatte, die langen Leinen jedoch am Nasenriemen befestigt waren. Schneider: „Die Einwirkung über die Nase verstehen die Pferde leichter.“
XL Do Pinheiro präsentierte sich „elektrisch“ im besten Sinne. Die leisesten Signale seines zweibeinigen Partners am anderen Ende der Leinen genügten, um Übergänge, Seitengänge oder auch die Lektionen höchster Versammlung einzuleiten.
Dabei werden in Kirchheimbolanden nicht nur Schneiders Working Equitation-Pferde an der langen Leine gearbeitet, sondern alle. „Es hat einen erzieherischen Effekt. Auch die jungen Hengste merken schnell, dass ich als Mensch das Heft in der Hand halte“, erläuterte der Tierarzt, der im Working Equitation bis zur höchsten Klasse reitet. Seiner Erfahrung werden faule Pferde fleißig, heiße Pferde lernen Gelassenheit und guckige Kandidaten entwickeln Mut und Selbstbewusstsein, weil sie gewissermaßen vorweg gehen müssen. Also eine rundum empfehlenswerte Arbeit, die allerdings gelernt sein will, wie Schneider warnte. Daher sollte man sich hier immer zunächst die Unterstützung bei einem erfahrenen Ausbilder suchen.
Herzenswunsch – prophetischer Name
Bei „Herzi“ sei der Name Programm, verriet Uta Gräf noch während sie am langen Zügel entspannt Schritt ritt. „Er will einfach immer alles richtig machen“, strahlte Gräf, als sie den Helium-Sohn vorstellte. Dazu sei er noch superschlau und lernwillig, sodass er schon jetzt das komplette Grand Prix-Programm beherrscht. Das zeigten die beiden dann auch – Piaffe und Passage, Serienwechsel und Pirouetten – alles in spielerischer Leichtigkeit und völlig frei von Spannungen. Nach jeder gelungenen Lektion ließ Gräf den Wallach Schritt gehen und belohnte ihn so. Dazu Plewa: „Ein Pferd für etwas zu belohnen, das gut gemacht wurde, entspricht zu 100 Prozent dem Lernen der Pferde.“ Es liege in der Verantwortung des Reiters dafür zu sorgen, dass eine Übung gelingt und das Pferd so ein Erfolgserlebnis hat und auch körperlich profitiert, denn „nicht der Reiter, sondern die Übung schult das Pferd“.
Es war beeindruckend zu sehen, wie zufrieden, gelassen und völlig frei von Druck Gräf und Herzenswunsch die schwierigsten Lektionen zeigten. Ein rundum durchlässiges und zufriedenes Pferd. „Warum soll ich denn mit so einem Pferd nicht Grand Prix reiten?“, stellte Uta Gräf eine rhetorische Frage.
Am Ende der Veranstaltung gingen 350 Zuschauer inspiriert und beseelt nach Hause. Das war definitiv ein lohnenswerter Ausflug auf die Alb. (PM/Dominique Wehrmann)
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