Eine Poesie für vier Hufe
Es ist ein kleines Büchlein, rund 190 Seiten dick, aber es hat jetzt schon eine große Wirkung. „Eine Sprache der Liebe“ ist eine „Hipposophie“, an der auch der in Süddeutschland wohlbekannte Grand Prix-Ausbilder Hubertus Graf Zedtwitz als Co-Autor und Protagonist mitgewirkt hat. Alle Pferdeleute sollten es lesen und möglichst viele andere Menschen auch. Eine Pflichtlektüre für Menschen, die sich über Pferde Gedanken machen. Wer den Sinn verstanden hat, wird nie mehr am Sport mit Pferden zweifeln. Eine Rezension von Roland Kern, die von Herzen kommt.
Ich gebe es gleich zu, dieses Buch hat mich fasziniert. Es löst etwas aus, es ist ganz besonders. Wir alle haben Pferdebücher gelesen. Fachbücher natürlich jede Menge. Ich als Junge schon; in meinem Regal steht Richard L. Wätjen neben Wilhelm Müseler und natürlich Paul Stecken. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Ich nenne bewusst einen Fritz Stahlecker in dieser Reihe, auch wenn einige seiner Methoden etwas – sagen wir mal – leicht schräg sind. Aber analytisch gehören seine Bücher zu den Glanzstücken hippologischer Literatur. Die alten Meister haben fein und edel geschrieben.
Später war Harry Boldts „Dressurpferd“, groß und schwer wie ein Kohlebrikett, meine Bibel. Je nachdem, ob wir im Stall Jungs oder Mädchen waren, wechselten wir abends zu leichterem Geschreibe: „Britta siegt auf Silber“ (weiblich) oder „Blitz, der schwarze Hengst“ (männlich, gab es damals noch…). Aber gelesen wurde immer.
Und jetzt dieses Buch. „Eine Sprache der Liebe“, illustriert mit verschwommenen Aquarellen, einem Reiterkörper ohne Kopf auf dem Titel, ein traurig schauendes Pferd. Man schlägt es auf und landet in einem Goethe-Gedicht aus seinem Drama „Egmont“. Das ist schonmal anders. Die ersten Sätze („An den Rändern des Feldes das leuchtende Blau der Kornblumen. . .“) – naja, noch ein bisschen arg kitschig.
Aber was sich dann auf den nächsten 180 Seiten entfaltet, gehört zu den besten Geschichten, die ich über Pferde je gelesen habe: So gefühlvoll (und dann auch gar nicht mehr kitschig), so klug, so historisch und wissensvermittelnd, ein bisschen mystisch und geheimnisvoll, warmherzig, sportfachlich stark und klar, philosophisch und nachdenklich, aber auch realistisch und mit einer klaren Botschaft. Man saugt es ein, wenn man Pferde liebt und sie noch besser verstehen will.
Über die Zusammenhänge richtigen Reitens
„Eine Sprache der Liebe“ ist etwas einfach erklärt die Geschichte der Berliner Juristin und Kunstgeschichtlerin Loretta Würtenberger, ihrer Hannoveraner Stute Grace und dem Grand Prix-Ausbilder Hubertus Graf von Zedtwitz, der ihr Trainer wird. Zedtwitz, auch in Baden-Württemberg als Coach bekannt und geschätzt, lässt sich überreden, das Paar zu fördern. Er tut dies, wie man es von ihm kennt. Mit Akribie und hartnäckiger Basisarbeit („Eine Million Übergänge!“), ein kompromissloser Verfechter der deutschen Reitlehre und bedingungsloser Anhänger der Skala der Ausbildung. Wer trickst, hat bei ihm schon verloren. Es ist keine Frage, dass der Rheinländer, der einst jüngster deutscher Berufsreiterchampion war, das Dressurreiten versteht wie wenig andere. Seine Erklärungen haben fast etwas Missionarisches; jedenfalls erklärt er so lange, bis der Reiter versteht, wie das, was er tut, beim Pferd ankommt. Und wieso. In seinem Training versteht die erfahrene Hobbyreiterin erst so richtig alle Zusammenhänge richtigen Reitens. Dieses Gefühl lässt sie wachsen; ihre Stute steigert sich zum erfolgreichen Turnierpferd.
Aber das Buch geht weiter. Die Autorin, die auch Philosophie studiert hat, unternimmt Ausflüge in die Kunstgeschichte und die Mythologie, weist damit immer wieder kulturhistorische Verbindungen zwischen Mensch und Pferd nach – eine Symbiose über Jahrhunderte, bildlich dargestellt in einem Kentaur (oft auch Zentaur), dem Mischwesen zwischen Mensch und Pferd. Eine Darstellung übrigens, die es bei keinem anderen Lebewesen gibt. Das heißt, es fließt Menschenblut durch Pferdeadern. Und umgekehrt. Dazwischen schildert Loretta Würtenberger Gespräche mit ihrem alten Vater, der mit Pferden noch im Krieg war und davon berichtet, wie der eine ohne den anderen nicht überleben konnte. Es sind faszinierende Zusammenhänge.
Kein Geschwurbel, keine Kuschelrhetorik
Das mag sich alles ein bisschen abgehoben und überdreht anhören. Ist es aber nicht. Es ist vielmehr so, dass sich der Pferdemensch beim Lesen darüber wundert, dass er das nicht früher gewusst hat. Es passt doch alles so gut zusammen. Zumal die Sprache weitgehend frei von Belehrungen ist. Kein Geschwurbel, keine Kuschelrhetorik. Es sind die Begriffe guter Dressurausbildung, die weit genug gehen und nicht künstlich überhöht werden müssen: Hilfengebung, Anlehnung, Losgelassenheit, Herantreten. Es sind die Attribute von Harmonie, Nähe und Vertrauen.
Dann ist etwas ganz Außergewöhnliches passiert, was auch daran liegen mag, dass der Berliner Matthes&Seitz-Verlag, in dessen Inprint-Sparte „Friedenauer Presse“ das Buch im Februar dieses Jahres erschienen ist, einen besonderen Ruf unter feingeistigen Rezensenten und Literaten genießt.
„Die Sprache der Liebe“ befreite sich aus den Reiterkreisen.
Denis Scheck („Druckfrisch“) stellte das Pferdebuch als sein Lieblingsbuch auf der Leipziger Buchmesse vor. „Wenn man das gelesen hat, dann lässt man sich von der Poesie dieses Buches so anstecken, dass man sich sofort ein Pferd kaufen möchte", erklärte er in der ARD. Brigitte Werneburg besprach das Buch im Monopol-Magazin, Deutschland wichtigstem Kunst-Magazin. „Ein hipposophischer Parforceritt, auf dem wir uns auch als nicht reitender Leser staunend selbst neu entdecken“, findet der Literaturkritiker Andreas Isenschmidt. „Eine Sprache der Liebe erzählt von der seelischen und kulturellen Renaissance des Pferdethemas“, beschrieb Viktor Jerofejew in der so renommierten Wochenzeitschrift „Die Zeit“. Ein Pferdebuch für den gesellschaftlichen Diskurs also.
Und ist das nicht die Aufgabe der Pferdeleute, derzeit so dringlich wie nie zuvor? Die Faszination des Pferdes auf Nicht-Reiter zu übertragen? Angesichts von PETA und Hasskommentaren gegenüber Reitern. Sie sollten das Buch immer einstecken, herausziehen und daraus vorlesen, wenn es Zweifel an der Erhabenheit dieses Sports gibt - auch jenen, die sich Reiter nennen ohne zu wissen, was sie tun.
Loretta Würtenberger und Hubertus Graf von Zedtwitz werden wohl demnächst auch in Baden-Württemberg auf Lesereise gehen. Man sollte sie nicht verpassen. Bis dahin hilft: Lesen.
Erhältlich bei uns im Reiterjournal Buchshop
https://reiterjournalshop.com/products/eine-sprache-der-liebe?
Ähnliche Meldungen
Warte mal kurz...
Hat Dir der Beitrag gefallen? Ja? Dann schnupper doch mal in unsere Printausgaben.