Eberhard Geiger lebt nicht mehr
Es ist ein Schock für seine Wegbegleiter, seine Schülerinnen und Schüler, natürlich ganz besonders für seine Familie. Der Pferdesport in Baden-Württemberg ist um einen wichtigen Berufsreiter und echten Pferdemann, vor allem aber um einen Pfundskerl, wahren Freund und Charaktertyp ärmer geworden. Viel zu früh ist der Dressurausbilder und Pferdewirtschaftsmeister Eberhard Geiger in der Nacht zum Sonntag nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. Im November wäre er 60 Jahre alt geworden. Sein Geburtstagsfest war schon geplant.
Und es wäre ein großartiges Fest gewesen, ganz nach seinem Geschmack, mit vielen Freunden und Kollegen, denn Ebi Geiger feierte gerne. Man hätte viel gelacht, Witze gerissen, auch nicht jugendfreie, angestoßen auf ein erfolgreiches Berufsreiterleben. Dazu kommt es jetzt nicht mehr. Eberhard Geiger ist tot. Die Nachricht verbreitete sich wie ein schwarzer Schleier auf den Turnierplätzen im Land. Dort, wo er am liebsten war, von Weitem schon seine berühmt-berüchtigten frechen Sprüche ausrief, flachste, scherzte, neckte – und gute Laune verbreitete. Das wird nun fehlen.
Über 40 Jahre war Eberhard Geiger überzeugter Berufsreiter, weil er nie etwas anderes werden wollte. Pferdewirtschaftsmeister, Ausbilder von Reitern und Pferden, seit rund einem Jahr Sprecher der baden-württembergischen Berufsreiter im Deutschen Reiter- und Fahrerverband. Er füllte dieses Amt gewissenhaft und aus fester Überzeugung aus. Kaum ein Meister hat so viele Lehrlinge ausgebildet wie Eberhard Geiger. Sie sind alle etwas geworden, übrigens im Dressur- und im Springsattel. Er hat ihnen nicht nur das Reiten erklärt, sondern auch die weiteren Tugenden, die er selbst vorlebte: Fleiß und Disziplin, Kundennähe, das Trainingsmanagement, die Gewissenhaftigkeit. Und dass man die Achtung vor den Pferden nie verlieren darf.
Eberhard Geiger wuchs reiterlich im Reiterverein Weilheim auf, seine Eltern hatten eine kleine Spedition. Reich waren sie nicht, aber schwäbisch bodenständig, so dass es zu eigenen Pferden reichte. In der Familie wuchsen fünf Kinder auf. Schon Eberhards Vater Karl galt als guter Reiter. In Weilheim, wo zunächst Martin Feth als Reitlehrer sein Mentor wurde, war das Reiten seinerzeit ein tägliches Fest unter Freunden. Das hat den jungen Geiger geprägt. Ohne Spaß kein Sport – und umgekehrt. Diese Einstellung hat ihn zum Ausnahmeprofi gemacht. Mit dem dicken Fuchs Wayong, der heute wohl an der Kutsche angespannt würde, ritt er als Junior in den Landeskader, fand im legendären Landestrainer Paul Stöffler den nächsten väterlichen Freund und Förderer. Seine Bundeswehrzeit verbrachte Geiger dann bei der Sportkompanie in Warendorf, wo auch Bundestrainer Siegfried „Bimbo“ Peilicke sofort begeistert war von der Art des geradlinigen schwäbischen Burschen. Die Ausbilder waren sich einig, dass Ebi Geiger ein reiterliches Naturtalent war. Er konnte Pferde zum Strahlen bringen. Er selbst saß im Sattel wie ein Fürst, mit der Körperspannung eines Kunstturners.
Zurück in Baden-Württemberg empfahl Paul Stöffler den jungen Reitersmann an den Dressurausbilder Bernd Noske; der gebürtige Norddeutsche war damals die Nummer eins im Land, Trainer der reichen Stuttgarter Stallbesitzer Hauck und Dinkelacker. Auch Noske fraß einen Narren an diesem lustigen Kerl, der um keinen Spruch verlegen, aber im Sattel so konzentriert war wie ein Mathematiker am Rechenbrett. Eberhard Geiger war sein erster und bis heute einziger Bereiterlehrling. Und niemals hat Ebi Geiger jemand anderes seinen Meister genannt als diesen Bernd Noske. Es war bis zuletzt ein besonderes Verhältnis.
Dann folgten die Wanderjahre. Eberhard Geiger ritt teilweise in Anstellung oder auch freiberuflich in Ställen fast im ganzen Land – vom Allgäu bis ins Kraichgau. Seine eigene sportliche Glanzzeit lag Anfang der 90er-Jahre. Legendär sind seine Ritte zur Landesmeisterschaft geworden, 1992 in Heidenheim, unter Gluthitze im Pferdewechselfinale gegen Reiterjournal-Herausgeber Hugo Matthaes und den südbadischen Profi-Kollegen Martin Waldvogel. Wunschkind hieß sein Pferd. Auktionatoren wie Hubertus Schulze-Rückkamp schätzten die Art, wie er die Pferde gewinnbringend präsentierte.
Vor jetzt fast 26 Jahren wurde Eberhard Geiger dann auf dem Strohberghof der Familie Schmalzridt in Korntal-Münchingen dauerhaft sesshaft, führte den Ausbildungs- und Turnierstall gemeinsam mit seiner Frau Kirsten Maier erfolgreich gemeinsam bis zu seinem Tod. Vor 18 Jahren kam die gemeinsame Tochter Joy auf die Welt, ähnlich selbstbewusst, schelmisch und den Menschen zugewandt wie der Papa. Der, wie seine Freunde wissen und schätzen, eine besondere Vorliebe für die Natur hatte. Das Jagen und das Fischen, auch das Alleinsein mit den Bäumen und den nächtlichen Schatten, bedeuteten ihm Entspannung und das Gefühl, dort zu sein, wo man hingehört.
Der Tod von Eberhard Geiger ist auch deshalb ein großer Verlust, weil er ein Berufsreiter aus einer Generation war, in der Geld noch nicht die Voraussetzung für sportlichen Erfolg war, sondern die Einstellung zum Sport und vor allem zum Pferd. Seine Schüler behandelte er stets gleich, ob das Pferd nun 5000 oder 500 000 Euro gekostet haben sollte. Das spielte bei ihm keine Rolle. Menschen seines Schlages werden leider seltener.
Seine früheren Lehrlinge hatten für den Alten Meister eine Präsentation mit Bildern eines Berufsreiterlebens zusammengestellt. An seinem 60. Geburtstag sollte sie gezeigt werden. Nun kann er sie nicht mehr sehen. Oder doch? Irgendwo schon. Ganz bestimmt.
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