Doppelter Abschied in Weingarten
Jörg Horn, Vorsitzender und Turnierleiter in Weingarten bei Karlsruhe, eigentlich ein lustiger Kerl, hatte Tränen in den Augen. Man wusste aber nicht, ob die Rührung des Turnierchefs wegen der Verabschiedung des 19-jährigen Wallachs Cous Cous Que überquoll, dem unermüdlichen Springer von Franz Salzgeber. Oder weil es an diesem Samstagabend wohl das letzte Sb-Springen in der Geschichte der Weingartener Reitturniere war.
Die FN lässt sich Mächtigkeitsspringen mit der neuen LPO 2024 nicht mehr zu – aus Tierschutzgründen. Die Außendarstellung des Turniersports müsse verbessert werden, heißt es unter anderem zur Begründung.
„Die Außendarstellung ist aber hier“, sagt Jörg Horn und schüttelt den Kopf.
Hier – das ist ein normaler Samstagabend in Weingarten. Rund 3000 Zuschauer sind zum Reitplatz gepilgert, darunter viele Pferdesport-Fans, die keine Reiter sind. Am Eintritt sitzt Horns Vorgänge Manfred Balduf und verkauft Eintrittstickets wie für ein Fußballspiel. Die Menschen bezahlen, um Pferde zu sehen. Das gibt es auch noch!
An den Getränke- und Essensständen stehen die Leute Schlange. In den Pausen, wenn die Mauer wächst, singen die Besucher im Chor „Sweet Caroline“ oder „Cotton Eye Joe“. Horn grinst: „Jetzt müsste von der FN mal einer da sein.“
Die Sb-Abende sind das Hauptgeschäft der Veranstalter
In Weingarten geht es jetzt so wie in Forst, Wiesental und den wenigen Sb-Standorten im Land: Die Köpfe rattern, wie man die Menschen künftig auch ohne das „Mauerspringen“ anlocken kann. Diese Abende sind das Hauptgeschäft der Veranstalter; sie legen mit dem Geld einen neuen Reitplatz an oder sanieren das Dach der Reithalle - oder legen etwas zurück fürs nächste Turnier. „Hier ist noch ein Verein, der ein Turnier macht, diesen Vereinen muss man auch eine Geschäftsgrundlage lassen“, findet Patrick Kühn, Springausbilder und ebenfalls Veranstalter auf einer Profi-Anlage in Durmersheim.
Die Emotionen schlugen diesmal besonders hoch, weil der Philippsburger Springprofi und Pferdehändler Franz Salzgeber, über 70 und eine Legende im Raum Karlsruhe, seinen 19-jährigen Schweden-Wallach Cous Cous Que aus dem Sport verabschiedet. Jörn Horn hat das organisiert, ohne, dass Salzgeber es wusste. Michael Raupp, Horns Turnierleiter-Kollege aus Spöck, war eingeweiht. Er führt den braunen Schweden zur Siegerehrung in die Bahn. Die Überraschung ist geglückt. Horn und Salzgeber drücken sich fest. Auch dem Mauer-Franz rollt ein Tränchen über die Wange.
„Sieht so ein Pferd aus, dass man zum Springen zwingen muss?, fragt Salzgeber und schüttelt den Kopf. Über 40 Sb-Springen ist er gegangen, die meisten hat er gewonnen. Das letzte an Ostern in Wiesental. Er sitzt auf und reitet zwei schnelle Ehrenrunden; jetzt könnten die Tränen auch vom Wind kommen.
Das Weingartener Sb-Springen scheint tatsächlich zur falschen Zeit betroffen zu sein. Selten war der Sport in einem Mächtigkeitsspringen besser – ja bewusster als an diesem Abend. Die Zeiten, in denen nur ein paar versprengte Chaoten die Mauer angeritten sind, sie scheinen vorbei zu sein – ausgerechnet jetzt. Die „Jockeys“ sind zurück, die auch saubere Große Peise reiten können.
Die richtigen Reiter sind zurück
Im dritten Stechen über knapp zwei Meter spielt Salzgebers neunjährigen Oldenburger Schimmel Lord Lupus mit der Höhe wie ein Bub mit Lego. Mario Walter, Alleskönner von der Ostalb, hat erstmals den neunjährigen Ducati eingesetzt. Er basculiert wie in einer Springpferdeprüfung. Dann Carsten Kurz aus dem Markgräflerland: Sein Schimmel Lord Pau ist erst sieben. Er springt – und beide haben sichtbare Freude daran. Am lässigsten ist aber der Benzenbühler Jörg Widmaier auf seinem beständigen Holsteiner Current Market; nach ihm könnte der Slogan „Holsteiner kennen keine Grenzen“ benannt sein. Er steigt über die Mauer wie zum Aufwärmen. Die beiden strahlen Harmonie aus. Stilspringen über zwei Meter!
Dann noch so ein Bild, das haften bleibt: Die Reiter schreiten zu Fuß auf den Rasenplatz. Sie suchen den Blickkontakt zu Jörg Horn. „Mit diesen Bildern von eben“, sagen sie, „wollen wir uns verabschieden“. Vier Musketiere teilen sich den Sieg im letzten Weingartener Sb-Springen. Was für eine Geste!
Und jetzt? „Ich habe gehört, die FN sucht eine Lösung, wir wären sofort gesprächsbereit“, bietet Jörg Horn an. Barrierespringen? Zweikampfspringen? Das ginge jedenfalls, aber kann es die Menschen ähnlich begeistern wie der Bann der Mauer? Vielleicht ein Schauprogramm in der Art eines „Sb“? Und dann wieder mit „Cotton Eye Joe“ und Tränen in den Augen. „Ich glaube es erst“, erklärt Horn, „wenn es ganz vorbei ist“. Roland Kern/Fotos: Mimi Jaufmann
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