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Freitag, 09.10.2020 um 12:38

„Mehr Zeit für junge Pferde und Physik auf Englisch“

Reutlingen ist stolz wie Bolle: Isabell Werth startet an diesem Wochenende beim Dressurturnier am Rande der Schwäbischen Alb. Schon am Donnerstag ist sie angereist, gemeinsam mit ihrer Schülerin Lisa Müller und ihrer Bereiterin Lisa Wernitznig, auch ihre Freundin und Mäzenin Madeleine Winter-Schulze gehört zum Tross, ebenso Sohnemann Frederik (11). Isabell Werth (51) ist die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt und aller Zeiten. Vor Ort führte ein Interview mit Reiterjournal-Redakteur Roland Kern

Frau Werth, in normalen Jahren reiten Sie auf den größten und wichtigsten Turnieren der Welt, was bringt Sie jetzt nach Reutlingen?

Es ist eben kein normales Jahr. Viele große Turniere fallen aus, fast alle Veranstalter haben sich ja verabschiedet. Ich wäre gerne letztes Jahr schon gekommen, Gotthilf hatte mich da auch schon eingeladen (Anm. d. Red.: Gotthilf Riexinger, internationaler Dressurrichter und Szenenkenner steht hinter dem Reutlinger Dressurturnier), aber der Turnierkalender ließ es einfach nicht zu. Aber im Corona-Jahr ist alles anders. Jetzt hat es gut in den Plan gepasst. Lisa Müller war gerade bei mir zum Training, Reutlingen liegt auf ihrem Heimweg nach Bayern. Ich nutze dieses Jahr, um die jungen Pferde vorzustellen, das kommt in normalen Jahren ja leider zu kurz, weil die Zeit fehlt. Das ist auch mal etwas Positives an Corona.

Wie gefällt es Ihnen hier?

Sehr gut, wir sind sehr herzlich empfangen worden. Für ein ländliches Turnier sind die Bedingungen top, die Böden sind sehr gut, wir haben gute Stallungen. Ein Turnier, wie ich es für meine jungen Pferde brauche.

Für Reutlingen hat Isabell Werth zwei Pferde dabei, die schon als junge Tiere für Furore gesorgt haben: Den zwölfjährigen Westfalen Den Haag, unter anderem 2011 Vierter der Jungpferde-Weltmeisterschaften und den neunjährigen DSP-Schimmel und früheren Bundeschampion Belantis, dem sie zutraut, ihr nächstes internationales Erfolgspferd zu werden. Beide früheren Zuchthengste sind mittlerweile Wallache.

Starten Sie im Grand Prix (Samstag, 15 Uhr) und im Special (Sonntag, 15 Uhr)?

Das ist der Plan, zumindest mit Den Haag. Bei Belantis warte ich zunächst den Grand Prix am Samstag ab. Es ist ja sein erster, und er war auch schon eine Weile nicht mehr auf Turnier.

Das Stuttgarter Turnier im November fällt aus, es ist auch ein bisschen Ihr Turnier mit großen Erfolgen und Erinnerungen, Sie sind offiziell Turnierbotschafterin. Arg enttäuscht?

Naja, die Situation ist natürlich sehr traurig. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, dass es mich nicht überrascht hat. Ich habe ja die ganze Entwicklung das Jahr über immer mitbekommen, als ein Turnier nach dem anderen abgesagt werden musste. Dann die olympischen Spiele in Tokio. Es war dann schnell klar, dass Hallenturniere noch viel mehr betroffen sein würde. Sagen wir mal so, ich hatte Zeit, mich auf diese traurige Nachricht vorzubereiten und konnte für mich persönlich diese Abwägung zwischen Enttäuschung und Vernunft treffen

 

Reutlingen ist – wie überall im Moment - ein Turnier, das nur wenige Zuschauer zulassen kann? Das entspricht eigentlich nicht Ihrem Naturell, oder gewöhnt man sich daran?

Sie kennen mich, ich liebe es, vor Publikum zu reiten. Aber es ist im Moment eben eine Notwendigkeit. Natürlich hat das alles im Moment mehr Trainingscharakter, aber ich nehme das dennoch als vollwertigen Wettkampf wahr. Das war auch in den vergangenen Wochen in Balve und Hagen so. Beide Veranstalter haben sich sehr große Mühe gegeben und es geschafft, dass die Atmosphäre nicht steril gewirkt hat. Aber ganz ehrlich, wenn es in den Wettkampf geht, fokussiert man sich ohnehin auf den eigenen Ritt.

Was finden Sie an der Corona-Situation besonders schlimm?

Zunächst möchte ich mal betonen, dass wir Reiter in der Coronakrise in einer privilegierten Lage waren und sind. Wir konnten trainieren und unseren Job machen. Wir konnten uns um unsere jungen Pferde kümmern, so gesehen, kann man die Zeit sogar als wertvoll sehen. Aber besonders schlimm finde ich die Unsicherheit und Unplanbarkeit der Situation.

Lockdown, Turnierabsagen, keine Olympischen Spiele – wie sehr schadet Corona vielleicht dauerhaft dem Turniersport und in welchen Bereichen?

Corona schadet der ganzen Wirtschaft und allen Branchen, also auch dem Pferdesport. Ich glaube, das Ausmaß werden wir erst in ein paar Monaten richtig erkennen. Natürlich schadet es mit der gesamten wirtschaftlichen Situation auch dem Reitsport, obwohl wir bis jetzt, was das angeht, glimpflich davongekommen sind. Aber wir sind im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft ja auch nur ein ganz kleiner Punkt auf der Karte.

 Wie war das bei Ihnen zuhause? Sohnemann Frederik im Homeschooling?

Das war anstrengend, also ein Entschleunigungsprogramm gab es für mich nicht. Frederik hatte ein straffes Programm in der internationalen Schule, dreieinhalb Stunden Online-Live-Unterricht jeden Tag. Und ich wollte ihn dabei natürlich nicht alleine lassen. Das ging dann manchmal so: schnell zwei Pferde reiten, dann wieder an den Computer, dann wieder in den Stall. Ich war froh, dass ich meine Mary hatte (Anm. d. Redaktion: Ihre „rechte Hand“ in Stall und Haus) mit ihrem Englisch. Beim Physikunterricht auf Englisch bin ich nämlich ausgestiegen.

Wie vorsichtig sind Sie im Umgang mit anderen Menschen, und wie sehr fürchten Sie das Virus? Ihre Mäzenin und Freundin zum Beispiel, Madeleine Winter-Schulze, ist Risikoperson. Wie sieht Ihr Kontakt aus?

Wir sind alle sehr vorsichtig. Ich persönlich habe keine Angst vor der Krankheit, aber natürlich habe ich Angst davor, ansteckend zu sein. Schlimmstenfalls ohne es zu wissen. Meine Eltern wohnen ja bei uns, mein Mann hat eine Vorerkrankung und Madeleine gehört auch zur Risikogruppe. Meine Eltern meiden jeden Außenkontakt, den sie nicht kennen. Madeleine ist hier in Reutlingen ja bei uns, aber sie meidet jeden Kontakt zu Menschen, die sie nicht kennt. Ich werde zum Beispiel kein Turnier besuchen, das in einem Risikogebiet liegt, wahrscheinlich auch nicht demnächst nach Lyon?

Glauben Sie, dass 2021 die Olympischen Spiele nachgeholt werden?

Ja, das glaube ich. In welcher Form auch immer. Ich denke, dass eine zweite Absage viel zu teuer würde. Ich traue den Japanern zu, dass sie einen Plan haben – und einen Plan B.

Das Corona-Jahr führte auch dazu, dass Ihr Olympiapferd Bella Rose eigentlich die ganze Zeit Turnierpause hatte, war das gut für sie?

Es hat ihr mal zumindest nicht geschadet. Als im Frühjahr klar wurde, dass die Saison wohl so verlaufen wird, wie sie dann auch verlaufen ist, habe ich das Training auf reine Erhaltung umgestellt, also natürlich geritten und  gymnastiziert, aber nie in Turnierform gebracht. Das hat sich in längeren Turnierpausen immer bewährt. Ich kann mir vorstellen, dass es Springpferde gibt, die wegen der Corona-Saison ein Jahr länger im Sport gehen.

Martin Schaudt hat neulich angemerkt, er glaube, dass manchen Dressurreitern Corona gerade Recht kommt, denn sie würden Zuschauer sowieso eher als störend empfinden. Können Sie diese Kritik verstehen?

Ich weiß nicht, was ihn zu dieser Aussage verleitet hat. So etwas ist völlig unnötig, vor allem gegenüber denen, die jetzt den Sport aufrecht erhalten. Ich finde das sehr befremdlich, einfach ein blöder Spruch.

Foto mit Sohn Frederik in Reutlingen, Foto: Verein

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