WM Aachen: Ein Geländetag mit Superlativen und Überraschungen - Michael Jung und fischerChipmunk auf Goldkurs
Angefeuert vom begeisterten und zahlreichen Publikum ging es heute für die Vielseitigkeitsreiter auf die Geländestrecke in der Aachener Soers. Dort erwartete die 87 Starterpaare ein, von Giuseppe della Chiesa konzipierter, anspruchsvoller Kurs, in dem neben der Zeit auch die Wahl der richtigen Linie ausschlaggebend war. Zahlreiche Alternativen sorgten dafür, dass die Reiter genau überlegen und oft kurzfristig entscheiden mussten, welcher Weg in welcher Situation angebracht war. Als „Pathfinder“ machten Libussa Lübbeke und Caramia den Auftakt für das deutsche Team und brachten die Mannschaft mit einer starken Runde in die Spur. Lediglich einmal wählte die Sportsoldatin und Mitglied der Gold-Equipe der Europameisterschaften in Blenheim im vergangenen Jahr, einen alternativen Weg, musste aber am Allianz-Wasserkomplex eine Missed Flag in Kauf nehmen. Mit 57,1 Minuspunkten nehmen die beiden vor dem abschließenden Springen mit Platz 45 eine Position im Mittelfeld ein.
Hochmotiviert flog das zweite deutsche Starterpaar, Malin Hansen-Hotopp und ihr großrahmiger Schimmel Carlitos Quidditch K, geradezu durch den Cross und bewies einmal mehr eine herausragende Harmonie und viel Balance. So sorgte ein Ausrutscher am vorletzten Hinderniskomplex zwar für einen kleinen Schrecken, wurde aber von dem erfahrenen Paar routiniert gemeistert und Malin Hansen-Hotopp galoppierte mit einem strahlenden Lachen im Gesicht über die Ziellinie. Ein zunächst unter Beobachtung stehender Flaggenfehler am Ende des Kurses wurde nach der Video-Kontrolle wieder zurückgenommen. Mit lediglich 3,2 Zeitfehlern reihen sich die studierte Agrarwirtin aus Mecklenburg-Vorpommern und ihr 14-jähriger Holsteiner Wallach, die 2024 den CCI5* von Lexington auf Rang vier beendeten, hochverdient auf Platz elf ein.
Einen Bilderbuchritt, stilistisch vom Feinsten, lieferten die bis dato Führenden Julia Krajewski und ihr gewaltig galoppierender Uelzener´s Nickel ab. Stets an den Hilfen und im Gleichgewicht galoppierte der 12-jährige, im Besitz von Prof. Bernd Heicke stehende Wallach durch den anspruchsvollen Cross. Ein Ritt, der einmal mehr zeigte, wie wertvoll eine reele Ausbildung von Beginn an ist, wenn es um größere Aufgaben geht. Kein Moment der Unsicherheit, immer auf Linie und immer im Rhythmus absolvierten die beiden das Championats-Gelände. Dabei lag der Fokus augenscheinlich darauf das dritte Teamergebnis sicher ins Ziel zu bringen, weshalb die 37-jährige wohl nicht das letzte Quäntchen an Geschwindigkeit aus dem Ritt herausholte. Am Ende blieb die Uhr bei 10 Minuten und 24 Sekunden stehen, was mit 35,6 Punkten aktuell Platz 20 bedeutet.
Sehr gut in den Cross gestartet, begleitet von ersten Regentropfen, waren auch Einzelreiter Christoph Wahler und D´Accord FRH. Im großen Galopp ließen Wahler und der 14-jährige Diarado-Sohn die Meter auf der Strecke geradezu dahinschmelzen und blieben dabei stets lässig und in der Balance. Eine Meisterleistung, die dazu führte, dass die Uhr bei 9 Minuten und 41 Sekunden stehenblieb, was der schnellste Ritt im gesamten Feld war. Mit ihrem Dressurergebnis von 29,4 Punkten haben die beiden vor dem Springen nun mit Platz fünf die Medaillenränge fest im Visier.
Pünktlich um 15.19 Uhr ritt Michael Jung im Sattel seines fischerChipmunk FRH aus der Startbox. „Das Gelände ist schön gebaut, erfordert aber sowohl den Reitern als auch den Pferden volle Konzentration ab“, so die Einschätzung des Reitmeisters im Vorfeld. Dass die beiden hoch fokussiert sein können, haben sie bereits mehrfach bewiesen und auch heute gelang dies in der Aachener Soers mit dem Ritt des Tages vom Allerfeinsten. Routiniert, immer in der Spur galoppierten der Multichampion und sein Top-Pferd für den dies mit 18 Jahren das letzte große Championat sein wird, durch den Kurs. Apropos: Sein Alter merkte man fischerChipmunk, der sich von Beginn an bis zum Ende absolut frisch und hochmotiviert präsentierte, in keinem Moment an. Wie an der Schnur gezogen und stilistisch brillant ging es zunächst noch mit etwas weniger Tempo, immer wieder begleitet vom Lob des Reiters über die Hindernisse. Auf den letzten Metern feuerte Michael Jung seinen Wallach dann noch einmal etwas mehr an, der diese Hilfen mit gespitzten Ohren gerne annahm und es war klar – es soll ein Ritt in die Zeit werden! Ein sensationelles Management, das mit 9,44 Minuten, also ganzen sechs Sekunden unter der Bestzeit, optimal gelang. Eine Wahnsinnsleistung, die einmal mehr die Klasse dieses Spitzenpaares unterstrich und mit dem Dressurergebnis von 23 Punkten die Führung vor dem abschließenden Springen bedeutet.
Druck auf das, vor dem Gelände führende britische Team übte das frühzeitige und überraschende Ausscheiden der ersten Teamreiterin Gemma Stevens aus. An Hindernis acht, einem Coffin, verloren sie und ihr Schimmel Flash Cooley den Rhythmus und mussten den Ritt beenden. Trotz der besonderen Herausforderung lieferten die britischen Reiter ab und Rosalind Canter reihte sich mit ihrem überragend springenden Lordships Graffalo, einem Sohn von Birkhof´s Grafenstolz, und ihrem Dressurergebnis von 23,4 Punkten auf Platz zwei ein. Ihr folgen die Teamkollegen Laura Collett und Tom McEwen, die auf London und JL Dublin ebenfalls ihr Können unter Beweis stellten und mit 0,8 beziehungsweise zwei Zeitfehlern aus dem Gelände kamen. Womit die Briten das Team-Ranking nach dem Geländetag mit komfortablen 75,6 Punkten anführen.
Die Titelverteidiger aus Deutschland liegen mit 90,4 Punkten aktuell auf dem Silberrang. Vier Springfehler im Team können also über die Plätze eins und zwei entscheiden. Knapper wird es beim Kampf um Bronze, den mit einer starken Gesamtleistung momentan das Team aus der Schweiz belegt. Sie trennt mit 106,5 Punkten lediglich ein Springfehler von den Iren (110,1), die sich dank souveräner Geländerunden von Platz sieben auf Platz vier nach vorn arbeiteten.
Eine der wenigen Nullrunde im Gelände lieferte für die Schweiz Mélody Johner mit Erin ab – eine Leistung, die mit 31,5 Zählern und Rang neun einen Top-Ten-Platz vor dem Springen bedeutet. Ebenfalls souverän und routiniert unterwegs waren Felix Vogg und die 13-jährige Frieda, die mütterlicherseits auf Heraldik zurückgeht. Sie beendeten das Gelände mit 5,2 Zeitfehlern und gehen somit von Platz 15 aus in den Parcours (34,5).
Doch nicht nur die Top-Favoriten lieferten heute schöne Bilder aus der Aachener Soers – der gesamte Geländetag stand mit sehr wenigen Ausnahmen für guten und fairen Vielseitigkeitssport und es bleibt spannend, denn nur wenige Punkte trennen die Medaillenränge voneinander.
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