„Unüberlegter politischer Schnellschuss“
Die Reutlinger Entscheidung, eine kommunale Pferdesteuer einzuführen, hat die Reiter im Land in Aufruhr versetzt. Mittlerweile läuft auch eine Online-Petition an den Gemeinderat der Stadt Reutlingen, initiiert von der Reutlinger Pferdebesitzerin Dr. Annika Esch. Führende Reiterfunktionäre des Landes, darunter auch Anwälte, Steuerexperten und Kommunalpolitiker, äußern Unverständnis über den Beschluss, ab 2027 im Zuge der Haushaltskonsolidierung eine kommunale Pferdesteuer zu erheben. Dazu kommt aber auch die Hoffnung, in Reutlingen sei noch nicht das letzte Wort gesprochen.
Die Reutlinger Pharmazeutin und Pferdebesitzerin Dr. Annika Esch hat ihre Stute Lissy im Reutlinger Pferdehof Müllerschön im Ortsteil Reicheneck untergestellt. Die 29-jährige Hobby-Reiterin wäre also direkt von der Steuer betroffen. Sie sagt: „Ich kenne fast nur Leute, die sparen müssen, um sich ein Pferd zu halten. Diese Leute wären von einer Pferdesteuer besonders hart betroffen.“
In der Petition (Link am Textende) erklärt sie: „Damit ist Reutlingen die erste und einzige Stadt Baden-Württembergs, die eine solche Steuer erheben möchte. In der Praxis zeigte sich in der Vergangenheit in anderen Städten: die Einnahmen werden durch den erhöhten Verwaltungsaufwand fast vollständig aufgefressen. Außerdem steht die Pferdesteuer rechtlich oft auf wackeligen Beinen.“
Weitere Stimmen zur Pferdesteuer-Entscheidung in Reutlingen:
Klaus Dieterich, Präsident des Landesverbandes der Pferdesportvereine Baden-Württemberg: „Zunächst bin ich sehr überrascht, dass der Beschluss zur Einführung einer Pferdesteuer gefasst wurde, ohne die Betroffenen wenigstens anzuhören. Es gibt gewichtige Gründe, warum eine Pferdesteuer nicht sinnvoll ist. Hätte man diese in Betracht gezogen, wäre die Entscheidung wahrscheinlich anders ausgefallen. Den Pferdebesitzern in Reutlingen empfehle ich, dieses Thema aktiv in ihrem Netzwerk zu thematisieren und sich auch direkt an die Stadtverwaltung zu wenden. Bis zur Einführung 2027 sollte diese Zeit genutzt werden, um die Steuer möglichst noch abzuwenden.“
Peter Hofmann, Präsident des Reiter-Verein Mannheim, Vizepräsident Spitzensport des Deutschen Reiterverbandes „Pferdesport Deutschland“ (FN), ehemaliger Kommunalpolitiker: „Pferdesport Deutschland hat sich den Kampf gegen die Pferdesteuer auf die Fahnen geschrieben. Bisher erfolgreich. Die Entscheidung in Reutlingen ist nicht nachvollziehbar. Erstens ist das Aufkommen der Steuer gering, dafür der Schaden groß. Es geht ja nicht um angeblich reiche Pferdebesitzer, sondern es geht in der Masse um jene, die sich ihr Pferd mühsam zusammensparen, es geht um die vielen Schulbetriebe, die den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit der Begegnung mit einem Lebewesen geben, wo sie Verantwortung, Respekt, Disziplin lernen. Das sind alles Werte, die unsere Gesellschaft so dringend braucht. Nicht vergessen dürfen wir die Therapiebetriebe, die es ebenfalls hart trifft.“
Frank Reutter, Präsident des Württembergischen Pferdesportverbandes WPSV, LK-Vorsitzender, Mitglied im Vorstand Sport der FN: „Ich halte das für einen unüberlegten politischen Schnellschuss aus der finanziellen Not der Kommune heraus. Wir haben die Gemeinderatsmitglieder vorher angeschrieben und Argumente geliefert, aber ich glaube, sie haben es gar nicht gelesen. Wenn jetzt die Satzung erarbeitet wird, wird man auch im Reutlinger Rathaus merken, dass eine Pferdesteuer praktisch gar nicht umsetzbar ist und zu viele juristische Fragen aufwirft. Ich denke, auch im Reutlinger Rathaus gibt es vernünftige Leute, die wir überzeugen können.“
Iris Keller, Präsidentin des Pferdesportverbandes Südbaden, Leitern eines Reitbetriebes: „Eine Pferdesteuer ist nicht zu Ende gedacht, Kommunen unterstützen auf der einen Seite die Vereine finanziell, jetzt wollen sie die Pferde besteuern. Viele werden in die Nachbargemeinden abwandern, alte Pferde werden aus Kostengründen abgeschafft. Pferdehalter und Reitereine sollen sich zusammenschließen und gemeinsam im Gemeinderat argumentieren, denn dort wurde offensichtlich nicht oder wenig informiert.“
Nadja Weißbrod, Präsidentin des Pferdesportverbandes Nordbaden, Turnierveranstalterin: „Die Einführung der Pferdesteuer in Reutlingen ist für unseren Sport und für die Pferde mehr als kontraproduktiv. Sollte das nicht abgewendet werden können, könnte es zu einem Problem in ganz Deutschland kommen. Die sowieso schon sehr hohen Kosten der Pferdehaltung würde noch mehr steigen, Zucht, Haltung und Sport noch mehr rückläufig werden.
Von den Pferdebesitzern in Reutlingen würde ich mir wünschen , dass sie Ihren Stallbetreibern treu bleiben. Gleichzeitig sollen sie versuchen, auf die Verantwortlichen in Gesprächen einzuwirken. Generell für alle Betroffenen in Deutschland gilt: Prävention durch Gespräche ist immer besser als die Erwirkung einer Außerkraftsetzung. Argumentationshilfen gibt es beispielsweise über die FN."
Heiner Eppinger, Vorsitzender der Fachgruppe Pferde haltende landwirtschaftliche Betriebe des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg
„Die Entscheidung der Stadt Reutlingen, eine Pferdesteuer einzuführen, trifft die Landwirtschaft im Kern und ist ein falsches Signal für den ländlichen Raum. Für viele landwirtschaftliche Betriebe ist die Pensionspferdehaltung längst ein unverzichtbares wirtschaftliches Standbein geworden. Zahlreiche Höfe konnten nur durch die Umstellung von klassischer Viehhaltung auf Pferdehaltung ihre Existenz sichern. Eine zusätzliche steuerliche Belastung trifft daher nicht nur Pferdehalterinnen und Pferdehalter, sondern gefährdet unmittelbar die wirtschaftliche Grundlage bäuerlicher Familienbetriebe im ländlichen Raum.
Jedes Pferd – unabhängig davon, ob es als Sportpferd, Schulpferd, Zuchtstute oder im landwirtschaftlichen Betrieb gehalten wird – trägt zur Bewirtschaftung von Grünland bei. Eine künstliche Unterscheidung wird der Realität nicht gerecht. Pferde sichern die Nutzung von Flächen, die vielfach anderweitig nicht bewirtschaftet werden können. Damit leisten sie einen erheblichen Beitrag für Umwelt, Landschaftspflege und Biodiversität. Durch die Beweidung wird auch extensives Dauergrünland erhalten und Lebensraum für Insekten sowie Vögel gesichert. Diese Form der Bewirtschaftung ist gelebter Naturschutz, ohne zusätzliche Kosten für die öffentliche Hand.
Gerade dieser Aspekt wird in der aktuellen Diskussion bislang völlig unterschätzt: Sollten pferdehaltende Betriebe ihre Grünlandflächen aufgrund steigender Belastungen nicht mehr bewirtschaften können, entstehen den Kommunen erhebliche Folgekosten. Pflege, Mahd oder alternative Nutzung dieser Flächen müssten dann öffentlich finanziert werden. Gleichzeitig sind viele dieser Flächen aufgrund von Nutzungseinschränkungen für andere landwirtschaftliche Betriebe kaum anderweitig nutzbar. Die Pferdehaltung sichert zudem Arbeitsplätze weit über die Landwirtschaft hinaus. Eine Pferdesteuer gefährdet damit regionale Wertschöpfungsketten. Nicht zuletzt erfüllt die Pferdehaltung auch wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Vor diesem Hintergrund stellen wir auch den tatsächlichen Nutzen der Pferdesteuer in Frage. Der erwartete finanzielle Ertrag steht in keinem Verhältnis zu den negativen Auswirkungen auf Landwirtschaft, Umwelt, Arbeitsplätze und gesellschaftliches Engagement. Wir fordern die Verantwortlichen in Reutlingen daher auf, diese Entscheidung zurückzunehmen, bevor nachhaltiger Schaden für Landwirtschaft und ländlichen Raum entsteht.“
Astrid von Velsen-Zerweck, Gestütsleiterin des Haupt- und Landgestütes in Marbach, Ortsteil der Gemeinde Gomadingen: „Das ist wirklich sehr kurzsichtig und zeigt die große Not der Kommunen. Mit einer Pferdesteuer baut man nur Bürokratie auf und schadet der Wirtschaft. Das ist absolut kontraproduktiv. Die Reutlinger sollten lieber versuchen, mehr Pferde in ihre Stadt zu holen. Pferde bringen Wertschöpfung in eine Gemeinde, stärken Handel, Hotellerie und Gastronomie. Das sehen wir bei uns in Gomadingen doch besonders gut.“
Carsten Grill, Pferdezüchter, DSP-Vorsitzender, FN-Vorstand Zucht, Wirtschaftsprüfer: „Ich halte den Plan einer Pferdesteuer, erst recht für eine Stadt oder einen Landkreis wie Reutlingen, für falsch. Von emotionalen Gründen mal ganz abgesehen, stelle ich mir die Frage, ob der mit der Einführung einer Pferdesteuer einhergehende Verwaltungsaufwand nicht das geplante Aufkommen wieder auffressen würde. Wie soll die Ersterfassung aller Pferde erfolgen? Wie erfolgt die Kennzeichnung der „besteuerten“ Pferde? Wieviel Aufwand verursacht der Einzug und die Überwachung des Steueraufkommens? Welchen Aufwand verursachen unterjährige Bestandsveränderungen bei Käufen und Verkäufen, was sicher häufiger vorkommt als bei Hundehaltern? Sollte sich durch gestiegene Kosten (u.a. durch Pferdesteuer) der Gesamtbestand an Pferden reduzieren, verlöre Reutlingen in der Folge zudem Aufkommen aus der Lohn-, Einkommen-, Gewerbe- und Umsatzsteuer, weil weniger Personal beschäftigt, und beim regionalen Handel weniger Umsatz und Gewinn erzielt würde. Ich stelle also in Frage, ob sich all das überhaupt rechnen würde. Und bei alledem vergessen die Verantwortlichen der Stadt Reutlingen ganz offensichtlich, welchen Wert das Pferd und der Pferdesport, gerade in der heutigen Zeit, für die Gesellschaft hat.
Zum einen hoffe ich auch hier natürlich wieder auf die Unterstützung von Rolf Berndt vom Pferdesportverband BW und von Thomas Ungruhe und seinem Team von Pferdesport Deutschland (FN). Beide haben in der Vergangenheit bei ähnlichen Fragestellungen großartige Arbeit geleistet, und waren eigentlich immer erfolgreich in der Abwehr einer solchen Steuer. Beide stehen bestimmt mit Rat und Tat zur Seite, und soweit ich weiß, sind beide auch schon aktiv. Aber jeder einzelne kann dazu beitragen, diesen Vorschlag zu verhindern. Man kann Unterschriftenaktionen starten, man kann sich in Vereinen und Ställen zusammentun und organisieren, man kann Gemeinderäte direkt ansprechen. Und man kann natürlich auch öffentlichkeitswirksame Aktionen starten. Reutlingen rechnet mit 500 Pferden, die besteuert werden könnten. Wenn nur 20 davon zusammen mit 100 oder mehr Pferdefreunden durch Reutlingen zum Rathaus zögen, wäre das ein ganz starkes Signal!“
Volker Hollenbach, Vorsitzender des RV Rot am See, Steuerberater: „Die Entscheidung finde ich gesellschaftspolitische bedenklich, wir sind froh im Pferdesport, dass wir eine Vielzahl an Reitern und ehramtlich tätigen Vereinsmitgliedern haben, die mit dem Reitsport einen großen Beitrag zur Jugendarbeit leisten und mit Turnieren sehenswerte kulturelle Veranstaltungen bieten. Jedes Kind, jeder Jugendliche der reitet, hat in seiner Freizeit eine Verpflichtung und lernt Verantwortung zu übernehmen. Kommunen sollten bedenken, dass schon allein das ein großer gesellschaftlicher Beitrag ist und keinen entgeltlich beschäftigten Jugendsozialarbeitern bedarf. Daher sollten die Kommunen den Pferdesport nicht mit einer Pferdesteuer bestrafen!“
Ferdinand Hurrle, Springreiter, Vorsitzender des Reitclubs Baden-Baden, langjähriger Kommunalpolitiker: „Als Vorsitzender des Reitclubs Baden-Baden trage ich die Verantwortung für alle sozialen Angelegenheit die das Pferd, den Reiter und vor allem die Kinder als Nachwuchs betreffen. Wenn nun aufgrund der Pferdesteuer in logischer Konsequenz, die Reitstunden, egal ob mit privat oder Schulpferd, noch teurer werden, können sich viele Familien mit ihren Kindern dieses Hobby gar nicht mehr leisten. Aufgrund dessen spreche ich mich gegen eine Pferdesteuer aus.“
Nicole Porsch, Dressurreiterin, Dressursport-Förderin, Mitglied im Gemeinderat der Stadt Stuttgart: „Ich halte die Pferdesteuer für unverhältnismäßig, da sie Pferdebesitzer und Betriebe finanziell belastet, oft nur geringe Einnahmen bringt und gleichzeitig einen hohen bürokratischen Aufwand verursacht. Als Kommunalpolitikerin würde ich empfehlen, die Pferdesteuer kritisch zu hinterfragen und ihre Folgen für die Betriebe, den Tierschutz und den ländlichen Raum genau abzuwägen. Politik sollte grundsätzlich zuerst die Ausgaben überprüfen und effizienter gestalten, anstatt immer neue Einnahmequellen durch zusätzliche Steuern zu erschließen.“
Monika Springer, Vorstandsmitglied im Reit- und Fahrverein Großsachsen, Ortsvorsteherin und Mitglied des Gemeinderates in Weinheim/Bergstraße, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied im Landesverband Freie Wähler Baden-Württemberg: „Als Vertreterin eines Reitvereins sehe ich die geplante Einführung einer Pferdesteuer äußerst kritisch. Gerade Vereine, die sich intensiv in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren, würden durch zusätzliche finanzielle Belastungen und bürokratische Hürden unverhältnismäßig stark getroffen. Die Umsetzung einer solchen Steuer würde in den Kommunen einen erheblichen Verwaltungsaufwand verursachen, der in keinem angemessenen Verhältnis zu den zu erwartenden Einnahmen steht. Letztlich besteht die Gefahr, dass wichtige ehrenamtliche Strukturen geschwächt werden, ohne dass ein nennenswerter finanzieller Nutzen für die öffentliche Hand entsteht.“
Kathrin Völker, Reiterin und Rechtsanwältin in Reutlingen: „In der Landesverfassung Baden-Württemberg ist die Förderung des Sports als Staatsziel verankert. Die die Pferdesteuer konterkariert dieses Ziel, da sie den Zugang zum Pferdesport – insbesondere für Jugendliche und Geringverdiener – massiv erschwert. Als Gegengewicht zu virtuellen Scheinwelten, Zukunftsängsten und wachsendem Leistungsdruck braucht unsere junge Generation aber doch gerade mehr Verein, mehr Sport, mehr Pferd.“
Jasmin Himmelsbach, Dressurreiterin und Anwältin u.a. für Pferderecht: „Ich habe durchaus Zweifel an der Entscheidung in Reutlingen, da sie auf mich wie ein politischer Schnellschuss wirkt, der weder fachlich ausreichend fundiert noch langfristig tragfähig sein wird. Die Pferdesteuer erscheint mir vor allem symbolisch, während sie gleichzeitig reale wirtschaftliche Belastungen für Betriebe und Vereine mit sich bringt. Zudem sehe ich die Gefahr, dass Aufwand und Ertrag in keinem angemessenen Verhältnis stehen.
Ich halte es daher für wichtig, die Verhältnismäßigkeit und sachliche Rechtfertigung einer solchen Steuer kritisch zu hinterfragen.
Pferdehaltern würde ich raten, sich zeitnah gut organisiert zusammenzuschließen, um mit einer gemeinsamen, fundierten Position aufzutreten. Wichtig ist, sowohl den politischen Dialog aktiv zu suchen als auch belastbare Argumente – etwa zu wirtschaftlichen Folgen, Vereinsstrukturen und Gemeinwohlbeiträgen – vorzubringen. Die Förderung des Sports sollte großgeschrieben werden. Sachlich darzulegen sind die möglichen Folgen einer solchen Steuer insbesondere für den Zugang zum Reitsport und die Nachwuchsförderung.“
Norbert Freistedt, Zuchtleiter und Geschäftsführer des Pferdezuchtverbandes Baden-Württemberg: „Ich dachte eigentlich, das Thema Pferdesteuer gehöre der Vergangenheit an. In Reutlingen müssen Reiter, Züchter, Besitzer und die beteiligten Verbände zusammen mit aller Kraft gemeinsam gegen ein Wirksamwerden vorgehen. Die Gefahr vor Nachahmern ist groß!“
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