Ein starker Auftritt
Respekt. Schon der Ort des Canossa-Gangs war – unfreiwillig – symbolisch ausgewählt. Im Bistro des VfB Stuttgart, unweit der Schleyer-Halle, musste sich der Olympiasieger und Bayern München-Fan Christian Kukuk am Freitag vor der Presse erklären zu dem Schlaufzügel-Video, das seit einigen Tagen durchs Internet zieht und einen Medienrummel ausgelöst hat, der auch die öffentliche Aufmerksamkeit beim Stuttgart German Masters-Turnier dominiert. Leider.
Kukuk hat das einzig Richtige getan: Er hat sich entschuldigt und einen Fehler eingestanden. Es werde nicht wieder vorkommen, es tue ihm leid, er habe seine Vorbildfunktion des Olympiasiegers schlecht ausgefüllt. Das stimmt. Punkt. Eine umfassende Entschuldigung ist aller Ehren wert – man sollte sie respektieren! Kukuk sprach aus dem Herzen, ohne Manuskript. Authentisch.
Vor allem, er entschuldigte sich nicht nur, er erklärte. Das ist besonders wichtig, weil der Eindruck entstanden war, da sei ein Reiter, der einfach nur sein Pferd quälen will. Diese platte Einordnung wird aber weder dem Thema noch dem Reiter gerecht. Dass er sich bewusst für den blanken Schlaufzügel entschieden hat, um seiner Stute eine bessere Anlehnung als Voraussetzung für Losgelassenheit zu geben, das ist unorthodox und steht im krassen Gegensatz zur klassischen Reitlehre. Aber es war im Sinne des Pferdes zumindest gedacht, wenn auch schlecht gemacht – schon wegen der zu befürchtenden Nachahmung.
Aber die Richtung der Argumentation stimmt: Die Reiter und ihre Verbände und Sprecher müssen den Sport erklären, immer und überall. Fachlich, weil sie es können, wie Kukuk jetzt gezeigt hat. Nur dann können sie das Recht einfordern, dass man ihnen zuhört, sie nicht verurteilt. Unser Sport ist komplex und braucht mehr Erklärung und Transparenz als jeder andere. Das macht ihn aber auch so faszinierend. Und wer es nicht erklären kann, der macht eben was falsch und hat es nicht verstanden. Der ist im Reitsport auch am falschen Platz.
Der Schlaufzügel-Vorfall von Verona zeigt leider, dass die Reiter schon viel zu viel Porzellan zerdeppert haben, so dass man jedes Vergehen mit Genugtuung und oft mit Häme kommentiert. Das liegt daran, dass die Reiter viel zu lange auf dem hohen Ross sitzen. Was das angeht, steht die Uhr nicht auf fünf vor zwölf. Sondern auf fünf nach.
Roland Kern
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