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von Roland Kern am Samstag, 21.09.2024 um 16:43

Uwe Carstensen: „Angst habe ich eigentlich nicht“

Das Reiterjournal hat sich mit Uwe Carstensen über seine plötzliche Erkrankung unterhalten.  /  © D. Matthaes

Info vorab: Wir hatten das Interview vor ein paar Wochen geführt, als für Uwe Carstensen noch alles gut erschien. Mittlerweile hatte er weitere Untersuchungen und muss im Oktober noch einmal operiert werden. Wir drücken die Daumen!

Er ist wieder da. Ein bisschen langsamer als früher, das Frechdachshafte hat Uwe Carstensen abgelegt, das einmal sein Markenzeichen war. Er wirkt wie ein Suchender, der sich immer konzentrieren muss. Wir treffen den Springreiter aus Riedheim an der bayerisch-württembergischen Grenze neulich bei einem Turnier auf der Ostalb. Er trainiert seinen Sohn Niels, reitet aber auch wieder selbst.

Uwe, wie geht es Dir?

Ach eigentlich nicht so schlecht, es wird von Tag zu Tag besser. Es geht halt alles ein bisschen langsamer.

Die Nachricht verbreitete sich im Frühjahr wie ein Schock durchs Land. Uwe Carstensen war an Krebs erkrankt. Hirntumor. Überraschend, mit 55 Jahren. Not-Operation. Und dann? Im Juli ritt der gebürtige Holsteiner wieder sein erstes Turnier. Wie kann das gehen?

Carstensen: Och, das geht schon. Ich habe nur kurz aufgehört, zwei Wochen nach der OP saß ich schon wieder im Sattel. Was soll ich machen, ist doch mein Beruf? Der Stall muss laufen.

Keine Beeinträchtigungen mehr? Du hast früher keine Brille getragen.

Carstensen: Das stimmt, bei der OP wurde der Sehnerv ein bisschen angekratzt, aber auch das wird besser.

Und beim Reiten?

Carstensen: Es geht eben alles ein bisschen langsamer, und mit dem Gedächtnis hapert es noch. Das Reiten ansich ist nicht das Problem, das geht ja fast automatisch. Das Schwierigste ist, sich den Parcours zu merken. Da muss ich mir beim Abgehen alles genau merken. Manchmal helfen Farben oder Symbole an den Hindernissen, das kann ich mir besser merken als die Zahlen. Das ist so ein bisschen wie mit den kleinen Kindern, die im Kindergarten in die Hasengruppe gehen (lacht). Wenn mir jemand etwas erzählt, schreibe ich mir darüber selbst eine WhatsAppp-Nachricht, damit ich nichts vergesse.

Uwe Carstensen nimmt es mit Humor. Seine Erinnerungslücken können sich die Ärzte aber leicht erklären.  Der Tumor, der ihm aus dem Schädel herausoperiert wurde, war größer als ein Tischtennisball. Wo er saß, gibt es Wunden in den Sinneszentralen, aber das Gehirn kann sich regenerieren.  Carstens blonde Haare sind auf der rechten Kopfseite kurz geschoren, darunter sieht man die Narbe, etwa zehn Zentimeter lang.

Zwei Wochen nach der OP wieder im Sattel. Das dürfte den Ärzten nicht so gefallen haben?

Carstensen: Kein Problem, das war immer alles abgesegnet. Mein Freund und Kollege Marc Bauhofer kennt die Stationsärztin, sie hat ein Pferd bei ihm stehen. Sie weiß ja, dass Reiten nicht schaden kann. Ich habe das Gefühl, die tägliche Arbeit macht mich wieder fit. Das tut mir gut.

Wann und wie hast du den Tumor damals gemerkt?

Carstensen: Ich hätte es wahrscheinlich gar nicht gemerkt, meine Freundin Leni Rohrer ist Intensiv-Krankenschwester. Sie hatte einen Verdacht. Ich hatte eigentlich immer wieder Konzentrationsprobleme, aber nie Schmerzen.

 

Und wie kam es dann zur Diagnose?

Carstensen: Ich war im März bei einem Turnier in Hessen, auf der Heimfahrt war ich so in Trance, dass ich an der Ausfahrt vorbeigefahren bin. Dann hat Leni keine Ruhe gelassen, bis ich zur Untersuchung gegangen bin. Dann wurde ich zwei Tage untersucht, Röntgen, MRT, alles.

Und was kam heraus?

Carstensen: Es heißt Raumforderung im Gehirn, ich wusste erst nicht, was das bedeutet. Leni hat es mir erst erklären müssen, ein Tumor. Bei den Untersuchungen kam heraus, dass er bösartig ist, also Krebs.

Wie war Deine Reaktion auf die Diagnose?

Carstensen: Das hab ich mir in diesem Moment gar nicht so richtig klar gemacht. Das ging so schnell. Noch am selben Abend kam ich nach Günzburg zur OP. Es musste wohl schnell gehen, weil der Tumor schnell gewachsen ist.

Hattest Du Todesangst?

Carstensen: Nö, eigentlich nicht. Ich war auch nie in Lebensgefahr, glaube ich zumindest.

Hast Du Angst, dass der Krebs wiederkommt?

Ich fühle mich ziemlich sicher. Mein Körper wurde schon vor der OP durchgescannt. Da war nichts. Jetzt bin ich alle paar Wochen bei einer Untersuchung. Ich glaube, da kommt nichts mehr. 

Kannst Du Dich an Dein erstes Turnier nach der OP erinnern?

Carstensen: Aber ja, das war in Illertissen. Ich hab’s halt einfach mal gewagt. Es war mein persönlicher Grand Prix. Aber für den Rest des Wochenendes musste ich mich erst mal hinlegen, so fertig war ich. Es hat mich glücklich gemacht. Aber ich bin vorsichtiger geworden. Ich trage jetzt eine Sicherheitsweste, das hatte ich früher nie.

Und wie ist es jetzt?

Carstensen: Wie gesagt, ein paar Einschränkungen beim Gedächtnis und der Wahrnehmung habe ich noch, sonst geht es aufwärts. Durch meine Freundin war ich immer super betreut, auch meine frühere Frau Kerstin hilft mir. Und natürlich mein Sohn Niels, ein toller Kerl ist das.

Uwe Carstensens Sohn Niels Carstensen (23) gehörte als Junior und Junger Reiter eine Weile zur deutschen Spitze seiner Altersklasse. Dann entschied er sich gegen eine Berufsreiterlaufbahn und absolvierte stattdessen eine Ausbildung zum IT-Techniker.

Steigt er jetzt doch ins Profi-Geschäft ein?

Carstensen: Nein, das ist nicht vorgesehen. Er arbeitet weiter in seinem Beruf, hilft mir aber nach Feierabend beim Reiten und geht wieder mehr auf Turniere. Ohne ihn ginge es nicht. Er ist immer für mich da. Ich will mich aber auch bei meinen treuen Kunden und vielen Kollegen bedanken. Ich habe so viel Hilfe angeboten bekommen, das war große Klasse. Wir sind hier in Baden-Württemberg schon eine tolle Truppe!

Roland Kern (Redaktion)

Der Ruhepol der Redaktion, der im Notfall immer noch eine Lösung parat hat. Die Stimme (The Voice) von Reiterjournal-TV, hat selbst Pferde bis zur Klasse S ausgebildet und kennt keinen Feierabend.

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