„Reitsport – wir müssen reden“
„Es ist fünf vor zwölf, und wenn wir uns nicht alle anstrengen, weiß ich nicht, ob es in zehn Jahren unseren Sport noch in dieser Art geben wird.“ So sagte es Thomas Casper, Gestütschef des Birkhof und Vordenker im Pferdesport. Er war schon immer einer, der den Sport reflektiert und nach Lösungen sucht. Und einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Nichts beschönigt.
„Reitsport – wir müssen reden“, lautet daher das Motto einer neuen Veranstaltungsserie, die jetzt im Rahmen des Birkhof-Dressurfestivals ihren Auftakt genommen hat. Titel: „RJ-Birkhof Aktuell“, denn den Reiterjournal-Verleger Hugo Matthaes und Thomas Casper stehen gemeinsam hinter dem Projekt, das von Ulrike Steeb umgesetzt wird. Sinn der Vortragsreihe: eine selbstkritische Analyse des modernen Turniersports – schonungslos und lösungsorientiert.
Es war zunächst ein Versuchsballon, der am Rande des Turniers gestartet wurde. Weitere Veranstaltungen unter dem gleichen Motto der und der gleichen Botschaft sollen folgen. Rund 50 interessierte Pferdeleute – Reiter, Züchter, Turnierfachleute – hörten den Referenten zu. Moderiert wurde der Auftakt von Reiterjournal-Redakteur Roland Kern. In einer Einleitung beschrieb er, wie sich der Reitsport gerade wieder in einem Wechselbad der Gefühle befinde. Während der Olympischen Spiele in Paris spiegle sich einerseits die ganze Faszination des Sports wieder, Michael Jung und Jessica von Bredow-Werndl, auch Isabell Werth avancieren zu Publikumslieblingen, ein entfesselter Kommentator Carsten Soestmeier wird zum Dichterfürsten der Sportreporter. Andererseits gehen Bilder der tierquälenden Dressurreiterin Charlotte Dujardin um die Welt. „Der Sport“, betonte auch Thomas Casper, „steht am Scheideweg“. Hugo Matthaes ergänzte: „Das Reiterjournal begleitet den Sport jetzt seit rund 45 Jahren konstruktiv und kritisch, unsere Aufgabe wird immer wichtiger.“
Die Auftakt-Veranstaltung hatte einen Schwerpunkt: Woher kommt der Sport? Wie hat er sich in den vergangenen 50 Jahren so entwickelt? Wie konnte es soweit kommen? Volker Wulff, Pionier des modernen Reitsport-Marketings und erster Referent, griff Roland Kerns Stichwort auf und verwies auf eine aktuelle Umfrage der Bild-Zeitung, nach der über 70 Prozent der Leser den Leistungssport mit Pferden am liebsten abschaffen würden. Er zeichnete die Entwicklung nach von einer Zeit, in der der Mensch dem Tier stets einen Nutzen abverlangte, als Arbeits- oder Sportpferd – was gesellschaftlich akzeptiert war. Mittlerweile habe sich die Sicht auf das Tier-Mensch-Verhältnis aber deutlich verändert. Und damit auch die Sicht auf das sportliche Reiten. Sein Vortrag war ein wahrer Parforceritt durch 50 Jahre Pferdesportgeschichte.
Da ergänzte Katrin Burger, Ausbildungs- und Zuchtexpertin mit Ausbildungsstall in Bretten bei Karlsruhe die Analyse mit verblüffenden Entwicklungen von jungen Pferden hin zu Leistungssportlern auf vier Beinen, die bis ins hohe Alter hinein gesund und fit Höchstleistungen erbringen. Tierärztin Dr. Franziska Aumler, die einige Jahre auch Gestütstierärztin auf dem Birkhof war, mittlerweile als Fachberaterin bei Böhringer Ingelheim Vetmedica, beschrieb neue Therapie – und Behandlungsmethoden für die Gesunderhaltung der Pferde.
Die Reihe „RJ-Birkhof-Aktuell“ soll im Herbst fortgesetzt werden. Thomas Casper kündigte als weitere Referenten Alte Meister des Reitsports an wie Klaus Balkenhol, Karl-Heinz Streng und Dr. Dietrich Plewa.
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