BWM-Dressur: Historischer Rekord ist möglich
„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ (Udo Jürgens)
In Baden-Württemberg stehen die Landesmeisterschaften der Dressurreiter in Meißenheim bevor. Bei den männlichen Reitern ist ein historischer Rekord möglich, falls Landestrainer Christoph Niemann wieder den Titel holen sollte. Es wäre dann sein zehnter seit 1987. Bei den Damen gibt es in jedem Fall eine neue Meisterin. Jasmin Schaudts Fano ist verletzt, eine Titelverteidigung nicht möglich.
Schon jetzt ist die Titelfülle des mittlerweile in Walldorf ansässigen Profis einmalig: Neun Goldmedaillen bei Landesmeisterschaften hat Niemann bislang geholt. Reitmeister Udo Lange kann auf sechs Landestitel blicken; Olympiasieger Martin Schaudt auf fünf. Als Niemann erstmals Meister wurde, da wurde das Finale noch in einem Pferdewechsel auf Inter I-Niveau ausgetragen. Die weiteren Medaillen gewannen damals Martin Schaudt und ein gewisser Ton de Ridder, der kurz darauf in Richtung Rheinland wechselte. Zu dieser Zeit war der spätere Championatstrainer Chefbereiter am Stall von Udo Lange. Eibe hieß Niemanns erstes Meisterpferd. Kurz zuvor hatte er den selbst ausgebildeten Fuchs Wariander an einen gerade aufstrebenden Jungen Reiter mit prallem Portemonnaie verkauft. Der neue Besitzer hieß Sven Rothenberger.
1985 – zwei Jahre zuvor war Christoph Niemann als frisch gebackener Pferdewirtschaftsmeister von Hamburg an den Mannheimer Turnierstall „Sport Inn am Rheinausee“ gewechselt – als jüngster Leistungsklasse I-Reiter der Nation. Schon in Hamburg war er Landesmeister gewesen. Seine Biografie bis dahin ist eine besondere Geschichte: Niemann, der aus Haselünne im Emsland aus kleinen Verhältnissen stammte, hatte bei Dr. Reiner Klimke in Münster als Pferdepfleger angeheuert. Der Olympiareiter erkannte das reiterliche Talent des Jungen und bot ihm eine Bereiterlehre an.
In Baden-Württemberg waren Niemanns weitere Stationen die Reitgemeinschaft Mannheim-Neckarau. Später als selbstständiger Ausbilder bezog er auf dem Hammberger Hof in Ittlingen sowie beim Reiterverein Walldorf die Ställe. Seit vier Jahren ist Niemann auf der Reitanlage der Familie Reitzner in Walldorf ansässig, startet für Schwetzingen.
Zwei Erfolgsphasen hatte der Profi im Besonderen: Er wurde Meister in den Jahren 1993, 1995 und 1996 sowie am Stück von 2007 bis 2010, mittlerweile auf Grand Prix-Niveau ausgetragen. Dann nochmal 2014. Die Meisterpferde waren der Schimmel Jenson, später Whizzkid, dann Don Williams. In seiner Laufbahn hat Niemann weit über 100 S-Dressuren gewonnen, davon 21 Drei-Sterne-Prüfungen. Rund zwei Dutzend Grand-Prix-Pferde hat er ausgebildet. Seit einigen Jahren ist er auch Wertungsrichter bis zur höchsten Klasse. Anfang der 2000er-Jahre spielte er auch als Trainer in der Champions-League, als er die für Frankreich startende Waiblingerin Karen Tebar bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen betreute.
Und jetzt hat er in der Tat Chancen auf Titel Nummer zehn. Mit 66 Jahren und streitbar und streitlustig wie eh und je, erlebt der Familienvater einen zweiten Frühling. In Ladenburg und kurz darauf in Ilsfeld platzierte er drei selbst ausgebildete Grand Prix-Pferde, die jetzt zehnjährige Stute Let`s Dance startet er bei den Landesmeisterschaften in Meißenheim. Die Chancen stehen nicht schlecht. Die Zeiten haben sich geändert seit 1987. Mittlerweile haben die Frauen die Vormacht im Viereck. In den vergangenen beiden Jahren sicherte sich Timo Kemmerer aus Wiesental als bester männlicher Reiter nahezu konkurrenzlos den Meistertitel. In diesem Jahr hat er einen Herausforderer, der nur auf dem Papier im Rentenalter ist (rok/Foto: D. Matthaes)
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