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Montag, 10.04.2023 um 19:13

Der Mauer-Fall von Wiesental

© honorarfreie Nutzung des Bildes

Es war eine Trauerfeier mit rund 2500 Gästen. Und sie war ganz schön fröhlich. Am Ostersonntag endete in Wiesental eine jahrzehntelange Tradition: Das Sb-Springen vor vollem Haus. Ab 2024 kennt die LPO solche Mächtigkeitsspringen nicht mehr. Im Reiterdorf der Stadt Waghäusel bei Bruchsal kann man das nicht verstehen. Bei vielen Pferdesportlern sind die Gefühle gemischt.

Die große rote Mauer in der Mitte der Halle, die knisternde Stille während des Anreitens, die offenen Münder, die spannungsgeladenen Gesichter – das alles gehört zu diesem Rekord-Hochspringen dazu. Für viele Reiter und Turnierbesucher sind es Kindheitserinnerungen.

Die LPO lässt Springen dieser Art ab 2024 nicht mehr zu; es sind Auslaufmodelle. Ein Zugeständnis an die Tierschutz-Bewegung. Aber auch an Pferdeleute: Springpferde gegen eine Mauer zu reiten, deren andere Seite sie nicht sehen können, und immer höher - das muss eigentlich nicht sein. Es widerspricht zumindest dem Zeitgeist, ist definitiv ein gewagtes Unterfangen, bei dem Stürze nicht ausbleiben – so war es übrigens auch am Ostersonntag in Wiesental. Das braucht kein Mensch, sagen viele.

Aber die Meinungen und Erfahrungen sind unterschiedlich. Martin Zimmerer und Achim Machauer, Springsportfans und Vorstände in Wiesental, sehen es anders. Jörg Horn, Vorstand im nahe gelegenen Weingarten, ist auf ihrer Linie. Sie sind am Verzweifeln. Wie soll es weitergehen mit ihren Turnieren? Das „Sb“ hat ihnen die Kassen vollgemacht, das Turnier finanziell abgesichert.

Am Sonntag in Wiesental wird klar, warum das so ist: Wer an diesem Abend den Turnierplatz im Wiesentaler Sportzentrum anfährt, denkt zuerst an ein Bundesliga-Fußballspiel – alle Parkplätze sind belegt. Aber die Menschen sind bei den Reitern! Sie stehen Schlange an der Eintrittskasse (!) und an den Getränkeständen. Die Vereinshelfer kommen mit dem Nachschenken nicht hinterher. Immer mehr Menschen strömen nach, sie stehen in Vierer- und Fünferreihen in der Halle. In Wiesental ist das „Sb“-Springen am Springturnier Kult, ebenso in Weingarten und in Forst. Die meisten Besucher kennen die beiden Buchstaben „S b“ gar nicht, höchstens vom Selbstbedienungsregal vom ALDI. „Mauerspringen“ heißt es dort im Landkreis Karlsruhe. Man geht zum „Mauerspringen“, jubelt den Männern und Frauen zu, die mit ihren Pferden gegen das rote Ungetüm reiten. Das hat etwas von Fritz Thiedemann und Alwin Schockemöhle. Was von Meteor und Donald Rex. Die sind wie Uwe Seeler und Fritz Beckenbauer im Fußball. Unsterblich.

Die andere Seite der Mauer

Wenn es dann auch noch einen Lokalmatadoren gibt, der mit 69 Jahren eine Legende im Sattel ist, dann ist das Volk vereint: Franz Salzgeber, unermüdlich, unverwüstbar. Er reitet die 1.95-Meter-Mauer an wie andere ein Cavaletti. 1000 mal berührt …. Der Altmeister reckt die Faust in die Luft, seine beiden Pferde lassen die Mauer stehen. Der große Schimmel Lord Lupus mit seinen neun Jahren will Häuser springen an diesem denkwürdigen Abend in Wiesental. Der 19-jährige Stallnachbar Cous Cous Can gleitet wie ein Segler routiniert über die Mauer, ohne Aufregung und sichtbare Anstrengung. „Da sieht man mal, dass das alles nicht so schlimm sein kann, wie es immer heißt“, findet Martin Zimmerer, „wenn ein Sb-Pferd gesund so alt wird“.

Zimmerer, Machauer (der selbst so hoch gesprungen ist) und Jörg Horn sehen das anders mit dem „Sb“. Jahrelang müsse Vertrauen zwischen Reiter und Pferd wachsen, das Training müsse ausgewogen und bewusst sein. Es gehöre zu den Königsklassen des Springsports, finden sie. Es handele es sich wieder einmal um den klassischen Fall, dass Tierschützer den Reitsport nicht verstehen und deshalb dagegen sind. Und die FN krieche zu Kreuze.

Vor allem aber haben sie aber Angst um ihre Turniere, die sich ohne „Sb“ vielleicht nicht mehr tragen. Die Vereinsmitglieder verlieren die Lust am Helfen, wenn hinterher kein ordentlicher Gewinn in den Kassen klingelt.

Wie soll es weitergehen? Ein Vereinsleben ohne Mächtigkeit können sie sich alle nicht vorstellen. Vielleicht als Schauprogramm getarnt? Es war eine Trauerfeier, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.    Roland Kern/Foto: Madeleine Trost

 

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