Ein Springpferd für 1000 Euro
Es war ein Wiedersehen ganz ohne Freude: Als Edith Baur aus Wain im Landkreis Biberach beim Late-Entry-Turnier in Sauldorf-Boll in der letzten Woche ihre Stute Visacard entdeckte, war sie richtig schockiert. Sie verstand die Welt nicht mehr: Die Familie Baur hatte die elfjährige Schimmelstute Ende des Jahres 2016 verkauft, nachdem ihr Tierarzt nach längerer Behandlung jede Hoffnung auf Heilung und weitere Turnierstarts zunichte gemacht hatte. Bänderverletzungen und eine Arthrose waren nicht mehr heilbar – der Tierarzt attestierte Sportuntauglichkeit. Visacard war das Nachwuchspferd von Tochter Stefanie Baur, der amtierenden Landesmeisterin der Jungen Reiter (Visacard und Stefanie Baur sind auf dem Foto zu sehen, da war die Stute noch gesund).
Auf dem Late-Entry von Boll wurde die Stute aber wieder in L-Springen eingesetzt – niemand schien sich darüber zu wundern.
Dabei war die Stute zunächst an einen im Oberschwäbischen ansässigen Pferdehändler mit dem Passus verkauft worden „Ausschließlich als Zuchtstute“. Dieser Passus stand auch im Vertrag, mit dem der Händler das Pferd weiterverkaufte: an eine Familie im Landkreis Ravensburg. Auch der Kaufpreis ist dort definiert: 1000 Euro plus 500 beim ersten Fohlen. Beide Dokumente liegen dem Reiterjournal vor. Edith Bauer war davon überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Bis zum Turnierbesuch.
Die Baurs fühlen sich betrogen. Der Käufer verletze nicht nur den Vertrag, sagen sie. Es liege auch der Verdacht nahe, dass das eigentlich sportuntaugliche Pferd mit unlauteren Mitteln fit gemacht worden sei. Direkt in Boll informierte Edith Bauer den von der LK beauftragten Richter und forderte eine Dopingprobe. Der Richter hielt das aber nicht für angebracht.
Auf Anfrage teilte LK-Geschäftsführerin Miriam Abel mit: „Der zuständige Richter kann jederzeit im Rahmen einer PLS eine Medikationskontrolle vornehmen. Dies wird jedoch in der Regel nur in begründeten Verdachtsfällen gemacht.“ Einen solchen sah der LK-Beauftragte trotz eines Appells der Familie Baur nicht.
Die LK nimmt weiter zu dem Fall Stellung: „Es ist weder Aufgabe des Veranstalters, des LK Beauftragten, der Richter noch der LK die Vertragsvereinbarungen eines Pferdekaufes zu überprüfen. Sofern die beiden Parteien vertraglich geregelt haben, dass das Pferd nicht mehr auf Turnieren eingesetzt wird und eine der Käufer seiner Vereinbarung nicht nach kommt, muss der Verkäufer prüfen, ob zivilrechtliche Schritte möglich sind. Der Verband, die Richter und auch der Veranstalter ist hier außen vor. Das Pferd ist korrekt bei der FN als Turnierpferd eingetragen und damit gemäß Regelwerk startberechtigt.“
Der Pferdekäufer selbst, Vater von drei reitenden Töchtern, hält den Vertragspassus „ausschließlich als Zuchtstute“ für nicht bindend. Der Stute gehe es gut, sie sei jetzt tierärztlich gut behandelt worden und „einfach mal richtig eingerenkt“. Visacard gehe es gut, wie man an den Erfolgen sehe.
In der Sache streiten sich nun die Rechtsanwälte. Die Familie Baur will im Moment eine Einstweilige Verfügung erwirken, um die Stute bei der FN für Turniereinsätze sperren zu lassen. Dann würde Edith Bauer den Vertrag am liebsten rückabwickeln. Der Käufer will das aber nicht; ein preiswerteres Springpferd dürfte er nie mehr finden (mehr dazu im nächsten Reiterjournal). rok
Ähnliche Meldungen
Warte mal kurz...
Hat Dir der Beitrag gefallen? Ja? Dann schnupper doch mal in unsere Printausgaben.