Pferde haben ihr Mut gemacht
Irgendwann hat Mona Bimmel aufgehört, die Operationen zu zählen. Es mögen an die 40 gewesen sein. So oft musste die junge Frau unters Messer, das letzte Mal 2021. Nun scheint sie das Schlimmste überwunden zu haben. Mona Bimmel (26) schaut nach vorne, wie sie es immer wieder getan hat, seit sie 2010 eine bittere Krebsdiagnose bekam: Knochenkrebs, ein Tumor am Kniegelenk. Damals war sie 14. Aufgeweckte Mädchen wie sie gehen in die Disco. Daran war jahrelang nicht zu denken.
Vielmehr folgte eine Leidenszeit, an der andere Menschen zerbrochen wären. Immer wieder Operationen, Krankenhausaufenthalte, Rückfälle, die Ungewissheit, ob der Krebs zurückkehren würde. Mona Bimmel hat die Krankheit besiegt. An ihrer Seite ihre Eltern Renate und Jürgen, beide Berufsreiter und Reitlehrer. Aber genauso wichtig: ihre Pferde. Sie haben ihr Mut gemacht; und ohne sie wäre sie nicht da, wo sie heute ist: An der Spitze der deutschen Para-Equestrians, der Dressurreiter mit Behinderung, die auf dem Mannheimer Maimarkt seit Jahren ihren festen Platz haben.
Mona Bimmel hat außer in den schlimmsten Phasen ihrer Krankheit nie aufgehört zu reiten, sogar in den Landeskader de Jungen Reiter in Baden-Württemberg wurde sie aufgenommen, es folgten Siege in S-Dressuren – wohlgemerkt im so genannten Regelsport im Wettbewerb mit Reitern ohne Handicap. Wer sie heute Reiten sieht, und ihre Geschichte nicht kennt, wird die Behinderung kaum erkennen, vielleicht daran, dass ihr linkes Bein dünner ist als das rechte. Und in der Mitte etwas fehlt. Aber man muss schon genau hinschauen.
Zu den „Paras“ ist sie erst in diesem Jahr gestoßen, obwohl sie seit über zehn Jahren den Behinderungsgrad mitbringt. Damals musste ihr natürliches Kniegelenk, das der Krebs zerfressen hatte, durch ein künstliches ersetzt werden. Der Eingriff war nicht so schlimm wie die Reaktion des jungen Körpers in den Jahren danach. Immer wieder gab es Komplikationen durch Infektionen oder Keime. Bis heute muss die junge Frau genau auf sich Acht geben. Sie steht unter ärztlicher Aufsicht, denn jeder Schnupfen könnte wieder der Anlass für eine Infektion sein. Seit vier Jahren ist ihr Zustand weitgehend stabil. In dieser Zeit hat sie im regulären Turniersport S-Dressuren gewonnen, ihren Master in Kommunikation- und Medienmanagement abgeschlossen und jetzt eine feste Stelle als Redakteurin beim Fachmagazin Reiterjournal angetreten. Jammern oder klagen hört man sie übrigens nicht. „Es hilft ja alles nichts“, sagt sie, „ich muss ja das Beste daraus machen“.
Zum Para-Sport kam sie eher zufällig, weil sie im Wettbewerb mit den nicht-behinderten Reitern als Ausnahme vom Regelwerk LPO ein Hilfsmittel brauchte: Einen Steigbügel, der sich magnetisch am Stiefel fixiert. Für solche Ausnahme-Genehmigungen ist beim Reiterverband FN das Kuratorium für therapeutisches Reiten zuständig. Als der Vorsitzende Dr. Jan Holger Holtschmit den Antrag bearbeitete, traute er seinen Augen nicht: eine junge Frau mit Handicap, die derart erfolgreich im so genannten Regelsport reitet, das gab es in ganz Deutschland kein zweites Mal. Der Mediziner wollte die junge Frau aus dem Schwäbischen näher kennenlernen. Er informierte auch Bundestrainer Bernhard Fliegl und Para-Koordinator Nico Hörmann – man wollte sie unbedingt haben.
Der Mannheimer Maimarkt ist jetzt das erste internationale Para-Turnier, bei dem Mona Bimmel als baden-württembergische Lokalmatadorin antritt. Vor drei Wochen debütierte sie im belgischen Waregem in der deutschen Equipe. Ob sie auch im MVV-Stadion zum Team gehört oder als Einzelreiterin antritt, entscheidet der Bundestrainer kurzfristig. In Grade V, dem Grad der geringsten Einschränkung, gibt es eine starke Mitbewerberin um den Teamplatz: das ist Paralympics-Reiterin Regine Mispelkamp. Aber Mona Bimmel vertraut ihrer Erfahrung und vor allem ihrem zwölfjährigen Rappen Fabricio von Nymphenburg, mit dem sie immer mehr zusammenwächst. Ihrer weiteren Para-Laufbahn steht sie offen gegenüber, die Regel-Turniere sind ihr genauso wichtig. Der Maimarkt ist für sie in jedem Fall etwas Besonderes, wie für jeden Reiter in Baden-Württemberg. Mona Bimmel ist vielseitig unterwegs. Sie betreut ihre Mutter, die wie ihr Vater schon immer ihre Trainerin ist; denn sie reitet ebenfalls am zweiten Turnierwochenende. Und über den internationalen Grand Prix-Sport berichtet sie als junge Fachjournalistin für Pferdesport. Roland Kern
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