"Reiten ist Tierschutz"
Die Reiter sind genervt: Seit die Fünfkämpfer bei den Olympischen Spielen in Tokio unschöne Bilder verursacht haben, die um die Welt gehen, stellen selbst ernannt Tierschützer wieder den kompletten Reitsport in Frage. Ist das gerechtfertigt? Hat der Reitsport ein Tierschutz-, oder auch ein Imageproblem? Dazu hat Reiterjournal-Redakteur Roland Kern mit Peter Hofmann (71) gesprochen, dem Mannheimer Reiterpräsidenten. Er ist unter anderem auch beim deutschen Reiterverband FN Mitglied im Präsidium und für den Spitzensport zuständig.
Herr Hofmann, haben die Reiter nach den olympischen Spielen ein Imageproblem?
Nein, die Disziplin Reiten im Fünfkampf hat eines, nicht ganz zu Unrecht. In dieser Disziplin gelten andere Maßstäbe als in unserem Pferdesport. Das müssen wir derzeit immer wieder erklären und uns von dem Geschehen in Tokio absetzen. In dieser Disziplin werden gemietete und oft nicht dafür trainierte Pferde von quasi fremden Menschen „benutzt“, die gar keine geschulten Reiter sind. Das ist problematisch. Der moderne Fünfkampf hat nach unserer Auffassung ein systematisches Problem und hat mit Sport mit Pferden nichts zu tun. Wir Reiter kritisieren das bereits seit 30 Jahren, leider ohne Erfolg. Dass der Laie hier den Unterschied zu den Reitsportarten nicht erkennt ist zwar verständlich aber ebenso bedauerlich – insgesamt ist es deshalb auch ungerecht, weil es fachlich falsch ist.
Also bei den reitsportlichen Disziplinen Dressur, Springen und Vielseitigkeit läuft alles richtig?
Ich bin der Meinung, dass insbesondere unsere deutschen Reiter in Tokio ausgezeichnete Szenen gezeigt haben, die unsere Einstellung gegenüber dem Pferd als Sportpartner sehr gut darstellen. Ich denke da in erster Linie an unsere Dressurreiter und besonders an Jessica von Bredow-Werndl, die sehr authentisch ihre Liebe zu den Pferden zeigt und lebt. Aber auch an Springreiter Daniel Deusser, der sein Pferd im Springen zur Schonung aus dem Parcours genommen hat, als es keine Chance mehr auf eine Medaille gab. Das war natürlich sportlich nicht erfreulich, aber eben ein reiterlich korrektes und vorbildliches Verhalten. Und das ist am Ende wichtiger.
Es gab aber auch noch einen tödlichen Sturz in der Vielseitigkeit….
Das war tragisch, es war ein Unglück und außerordentlich bedauerlich. Leider passieren immer wieder solche Unfälle in den unterschiedlichsten Sportarten. Denn auch Menschen reißen sich beim Sport Bänder und Sehnen. Beim Fluchttier Pferd ist das natürlich in der Auswirkung schlimmer. Aber es ist und bleibt ein tragisches Unglück. Daraus auf grundlegende Defizite beim Tierschutz zu schließen, wäre nicht die richtige Schlussfolgerung. Übrigens passieren solche Unglücke viel häufiger auf der Weide, sie gehören zum Leben eines frei laufenden Tieres dazu. Aber da laufen halt in der Regel keine Kameras.
Aber in der Öffentlichkeit scheint mehr das Bild der rabiaten und verzweifelten Fünfkämpferinnen hängen geblieben zu sein, warum?
Weil es eine dramatische, verzweifelte Szene war, die ins Auge und ins Herz sticht und sich deshalb einprägt. Die Medien haben das ja auch durchaus mit hoher Frequenz berichtet.
Dass ein Pferd als Sportgerät benutzt wird, entspricht nicht der Auffassung von Reitern im Pferdesport. Hier müssten die Regularien dringend verändert werden. So gesehen sind Reiter in diesem Sine vielmehr Tierschützer.
Wie kann man das verstehen?
Reiter achten sehr genau darauf, dass es ihren Pferden an nichts fehlt und es ihnen gut geht. Reiter leben die Einstellung, dass das Pferd der Sportpartner ist, mit dem man gemeinsam für den Erfolg trainiert. Das geht nur mit einem top gesunden, gut gepflegten, gut versorgten und durchtrainierten Pferd, das leistungsbereit ist. Durch lange Zeit der gemeinsamen Arbeit entsteht eine Bindung zwischen Pferd und Reiter, und nur durch diese Vertrauensbasis kann ein Pferd zur Höchstleistung kommen. Man kann doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass Reiter mit Pferden erfolgreich sind, denen es nicht gut geht. Deshalb: der verantwortungsbewusste reiterliche Umgang mit Pferden ist der beste Tierschutz.
Das sieht PETA zum Beispiel anders?
Nun ja, regelmäßig vor den Olympischen Spielen wird bei PETA orakelt , ob irgendetwas passiert. Das definierte Ziel von PETA ist es, Reiten ganz zu verbieten. Aus unserer Erfahrung und unserem Sachverstand heraus sagen wir aber: Ein Reitverbot würde vor allem den Pferden schaden. Wir sehen hier deshalb keine Diskussionsgrundlage. Dass PETA jetzt den Fünfkampf und den Reitsport in einen Topf wirft, zeigt doch, dass man sich dort, mit dem Thema gar nicht fachlich versiert und sachlich richtig auseinandersetzt.
Und ein Pferd, das im Parcours aus den Nüstern blutet, auch in Tokio zu sehen?
Hier hätte man sofort einschreiten müssen, auch wenn es „nur“ ein Nasenbluten war, wie wir es als Menschen gelegentlich auch haben. Dennoch brauchen wir eine noch höhere Sensibilität in der Öffentlichkeit und bei den Funktionären, die vor Ort kontrollieren. Aber den Reitsport deshalb grundsätzlich in Frage zu stellen, wäre unangemessen und entspricht nicht unserem Anspruch.
Wie sieht denn dieser Anspruch aus?
Ganz klar: es geht um Respekt und Achtung vor der Kreatur. Das ist die Maxime unseres Sports. Davon rücken wir auch nicht ab. Genau das macht ja auch die Faszination aus. Es gibt keine andere Sportart, die einen solchen pädagogischen, ja philosophischen Ansatz verfolgt wie der Pferdesport. Nur gemeinsam kann Mensch und Tier erfolgreich sein. Das müssen wir gerade jetzt immer wieder betonen. Und gerade jetzt, wo man kritisch auf den Reitsport schaut, haben wir dazu noch einmal die Chance.
Wird das an der Basis gut umgesetzt?
Dies ist eine ständige Aufgabe. Dies ist unser tägliches Brot in den Vereinen an der Basis. Ich kann da nur von meinem Reiter-Verein Mannheim sprechen, wo wir mit Pferdewirtschaftsmeisterin Anica Fröhling eine Reitlehrerin haben, die das täglich lebt und lehrt. Wir haben sehr viele Projekte mit Kindern, denen wir genau diesen Anspruch an Respekt und Achtung vor der Kreatur nahebringen können. Das geht besonders gut im Reitsport!
Bei der FN in Warendorf wurde aber dennoch eine Kommission einberufen, die Trainingsmethoden kritisch unter die Lupe nimmt? Warum? Doch ein schlechtes Gewissen?
Nein, aber zu unserem Anspruch gehört doch in dieser Konsequenz auch, dass wir uns ständig hinterfragen und auf den Prüfstand stellen. Es ist nun der Eindruck entstanden, diese Kommission habe sich wegen der aktuellen Diskussion gegründet. Das stimmt natürlich nicht. Denn das ist bei uns ein ständiger fortlaufender Prozess. Als Mitglied dieser Kommission lerne ich übrigens immer wieder sehr viel, zum Beispiel im Austausch mit alten Meistern der Reiterei. Das ist immer wieder faszinierend.
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