Der neue FN-Präsident im Reiterjournal-Interview
Hans-Joachim Erbel wurde vor wenigen Tagen zum neuen FN-Präsidenten gewählt. Roland Kern führte nun direkt ein Interview mit dem Nachfolger von Breido Graf zu Rantzau.
Herr Erbel, jetzt sind Sie Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, das verlief erstaunlich glatt, oder? Kein Gegenkandidat, keine kritischen Stimmen. Haben Sie damit gerechnet?
Meine Kandidatur ist durch meinen Vorgänger Graf zu Rantzau und Gerhard Ziegler als Sprecher der Landesverbände sehr gut im Vorfeld eingebracht worden. Es gab in den letzten Monaten und natürlich auch anlässlich der Mitgliederversammlung immer wieder Gelegenheit zum Austausch und Kennenlernen. Ich hatte natürlich auf eine gute Resonanz gehofft, freue mich aber trotzdem sehr, dass es nun auch so gekommen ist.
Oder ist es heute so, dass solche Ehrenämter ohnehin nicht besonders begehrt sind? Woran liegt das?
Die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement geht in der Gesellschaft seit vielen Jahren zurück. Das merken doch auch viele Reitvereine. Ein Ehrenamt ist eben nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Verpflichtung. Die Menschen haben offensichtlich weniger Zeit, verspüren größeren Arbeitsdruck. Und es gibt auch die, die sich leider von anderen „bedienen“ lassen. Zu denen gehöre ich wohl weniger. Ich habe durch all die schwierigen Umstände der letzten Monate letztlich Zeit gewonnen. Mein Anspruch ist aber nicht, diese nun hauptsächlich mit Freizeitaktivitäten zu verbringen, sondern sie sinnvoll zu investieren und – wie man so schön sagt – auch der Gesellschaft und meinem Sport etwas zurückzugeben.
Präsident. Klingt Ihnen das nicht zu hochtrabend?
So ist nun mal der Titel. Präsident ist halt eine Möglichkeit die Funktion an der Spitze einer Organisation zu bezeichnen. Wichtig ist doch viel mehr, wie jemand seine Position ausfüllt. Vorher hieß ich „Chief Executive Officer“. Das finde ich auch nicht besser und keiner meiner Mitarbeiter hat mich je so angesprochen ????. Wahrscheinlich auch, weil jeder wusste, dass ich darauf nichts gebe.
Warum wollten Sie es werden?
Es war in meinem Fall wie so häufig so, dass ich nicht Präsident der FN werden wollte sondern ich wurde hierzu berufen. In einem zweiten Schritt muss man sich überlegen, ob man sich dieses zutraut und ob man dieses ausfüllen kann und will. Und in einem dritten Schritt muss man dann ja oder nein sagen. Den zweiten Schritt habe ich zu allererst mit meiner Frau, aber auch mit vielen anderen Menschen diskutiert und abgewogen. Am Ende habe ich dann JA gesagt.
Weht mit Ihnen ein neuer Wind, wie man so sagt?
Der Satz „Es weht ein neuer Wind“ wird oftmals verwendet, wenn man der Meinung ist, dass der alte Wind zu lau war oder aus der falschen Richtung wehte. Im Zusammenhang mit Breido Graf zu Rantzau von einem lauen Wind zu reden, ist ein Widerspruch in sich! Ich würde eher sagen, das war eine 16 Jahre andauernde steife Brise aus der richtigen Richtung, die das Boot FN vorangebracht hat.
Aber – um bei der nautischen Allegorie zu bleiben –als Steuermann muss man immer ein Auge auf seine Umgebung, sein Schiff und seine Mannschaft haben. Da ich gerne segle, traue ich mir mit dieser Mannschaft und dem Schiff auch zu, zu neuen Ufern aufzubrechen.
Sie sind als Ehrenamtler nun Chef eines überwiegend hauptamtlich geführten Sportverbandes, geht das überhaupt? Wie können Sie Einfluss nehmen?
Die FN ist mit einem Jahresumsatz von zirka 26 Millionen Euro und etwa 200 Angestellten ein kleines mittelständisches Unternehmen. Der Präsident als oberste Instanz des Ehrenamtes ist aber meines Erachtens nicht der operative „Chef“. Das hat schon der erste Präsident Dieter Graf Landsberg erkannt und zusammen mit seinem Nachfolger Jürgen Thumann eine umfassende Strukturveränderung umgesetzt. Seit 2001 wird der Verband von einem hauptamtlichen Vorstand geführt. Das Präsidium ist ein Gremium, das den Vorstand kontrolliert, ihn berät und die strategische Richtung des Verbandes mitbestimmt. Das ist vergleichbar mit dem Aufsichtsrat eines börsennotierten Unternehmens. Wobei unsere Aufgaben und unsere Einbindung schon ein Stück weitergehen als in einem normalen Unternehmen.
Wie ist Ihr Eindruck vom „Apparat“ FN?
Die FN ist im Haupt- und Ehrenamt gut aufgestellt, es ist ein gut funktionierendes System und ein sehr gutes Miteinander. Mein Eindruck aus der Phase des Kennenlernens in den letzten Monaten hat mir in vielen Situationen gezeigt, dass die Zahnräder gut und effektiv ineinandergreifen. Dies hat meiner Ansicht nach insbesondere die Coronakrise auch noch mal deutlich gemacht. Es konnte schnell in den Krisenmodus umgeschaltet werden, um dann auch viel Basisunterstützung zu leisten.
Selbstverständlich muss man aber ständig an Prozessen und Abläufen arbeiten, sie gegebenenfalls anpassen, damit es auch weiterhin so gut geschmiert läuft.
Sie kommen als Manager aus der Wirtschaft, was fordern Sie von den Mitarbeiter/innen der FN?
Grundsätzlich ist das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Keiner sollte einseitige Forderungen stellen. Die Grundvoraussetzung eines gut funktionierenden Unternehmens ist ein gutes Miteinander. Was ich erwarte, ist, dass alle Führungs- und Mitarbeiterebenen sich genau in dieser Verantwortung sehen und ihren Teil dazu beizutragen, dass das gute Miteinander funktioniert. Dazu gehört auch eine offene, transparente und respektvolle Kommunikation aller Mitarbeiter untereinander und eine gute, verlässliche und konsequente, den Menschen zugewandte Mitarbeiterführung.
Manchmal hat man den Eindruck, die FN-Verwaltung ist bei den Veranstaltern an der Basis in etwa so beliebt wie Hufrolle. Woran liegt das und was können Sie gegen dieses Imageproblem machen?
Es liegt in der Natur der Sache, dass eine „Zentrale“ tendenziell im Täglichen eher unbeliebt ist. Sie gibt Regeln vor, die die Freiheit des Einzelnen, der Vereine und Betriebe einschränkt und dann schickt sie auch noch dauernd Rechnungen. Und natürlich fragt sich der Turnierveranstalter, wofür eigentlich? Es ist ja alles da, was man zum Turniermachen braucht: Regelwerke, Aufgabenhefte, IT-Systeme, geschulte Turnierfachleute und so weiter. Das ist für die meisten von uns so selbstverständlich, dass wir es gar nicht merken. Ein bisschen wie der Strom, der aus der Steckdose kommt. Man denkt erst drüber nach, wenn er mal nicht fließt.
Generell müssen wir, glaube ich, zwei Dinge auseinanderhalten. Das eine ist die Frage nach der Notwendigkeit einer zentralen Organisation, das andere die Frage nach deren Refinanzierung. Wenn ich will, dass sich jemand fortlaufend um all die Dinge wie Regeln und Standards für Sport, Zucht und Ausbildung – und natürlich auch um deren Einhaltung – kümmert und die Interessen von Pferdesport und -zucht auf der politischen und gesellschaftlichen Bühne vertritt, dann muss ich auch in Kauf nehmen, dass ein solcher Apparat nicht umsonst zu haben ist.
Werbeblock: Warum kommt die deutsche Reiterei nicht ohne ihre nationale Federation aus?
Wie gerade schon beschrieben: Der nationale und internationale Pferdesport funktioniert nur dann gut, wenn er auf funktionierenden Systemen aufbauen kann. Das haben wir in Deutschland in den letzten Jahren ganz gut hingekriegt. Unser Ausbildungssystem ist weltweit vorbildlich, viele Nationen beneiden uns darum. Und auch der Weltverband FEI nutzt es zum großen Teil als Grundlage. Ohne die bei uns angeschlossenen Zuchtverbände und ihre Züchter gäbe es keinen Sportpartner Pferd. Unser Turniersystem ist weltweit einzigartig und Basis für unsere internationalen Erfolge. Im Verein lernen die Menschen reiten, fahren oder voltigieren. Im Verein werden sie ausgebildet und können sich im Wettkampf messen. Das deutsche Vereinssystem hält den Sport in Gang. Die Fäden laufen in Warendorf zusammen. Und das gilt nicht nur für den eigentlichen Sport. Wir tun auch hinter den Kulissen sehr viel für die Pferdeleute, vielfach bekommen sie das gar nicht mit. Gerade haben wir es geschafft, die negativen Auswirkungen bei der Novellierung des Waren-Verkaufsrechts für den Pferdehandel in Grenzen zu halten – ein echter Kraftakt. Wir sind seit vielen Jahrzehnten immer wieder im Austausch mit Bundes- und Landesregierungen, wenn es um Novellierungen der Naturschutzgesetze geht. Da geht es darum, für Reiter*innen und Fahrer*innen das Reiten und Fahren in der Natur abzusichern. Wir beraten Reitschulen, damit sie eine sichere Zukunft gestalten können. Wir führen seit Jahren Abwehrarbeit gegen die kommunale Pferdesteuer. Und ich habe auch den Eindruck, dass die intensive Informations- und Beratungsarbeit der FN und ihrer Mitgliedsverbände in den letzten 16 Monaten der Coronakrise den Menschen gezeigt hat, dass wir sehr wertvolle Arbeit für sie leisten und ihnen helfen können.
Graf Landsberg und Breido zu Rantzau, Ihre Vorgänger, waren und sind beide Vertreter des Turniersports, Sie kommen schon wegen Ihrer Equitana-Zeit eher aus der breitensportlichen Ecke. Ist das ein Paradigmenwechsel im deutschen Reiterverband? Haben Sie ganz andere Schwerpunkte?
Da würde ich gerne ein bisschen widersprechen. Graf zu Rantzau hat in seiner Abschiedsrede bei unserer Mitgliederversammlung noch einmal beeindruckend geschildert, wie wichtig für ihn der Breiten- und Basissport ist und wie er sich dort engagiert hat. Andererseits war und ist die Equitana niemals nur Breitensport. Viele und vielleicht sogar die meisten Olympioniken waren immer auch auf der Equitana zu Gast. Ich erinnere nur an die Ausbildungsabende mit Ingrid Klimke, Jessica von Bredow-Werndl und Benjamin Werndl oder Ludger Beerbaum. Auch die Zucht spielte auf der Equitana immer eine wichtige Rolle. Daher kann man sowohl meinen Vorgänger als auch mich in einer Ecke verorten: als Präsident für alle Bereiche. Dazu habe ich gute Partner im Ehren- und Hauptamt an meiner Seite. Gemeinsam widmen wir uns allen Themen gleichermaßen.
Eine andere Frage ist, was wir als strategische Priorität definieren, wenn es um die Weiterentwicklung und Zukunftssicherung des Verbandes geht. Hier muss darauf geachtet werden, wie wir die Basis unseres Sports erweitern können, um noch mehr Menschen für unseren Sport begeistern und gewinnen zu können. An dieser Stelle sehe ich die Nachwuchsarbeit bei der Jugend und damit auch die Rolle des Breitensports als extrem wichtig an. Auch aus dieser Basisarbeit heraus entwickelt sich der Spitzensport.
Wird das leistungssportliche Turnierreiten Ihrer Ansicht nach zu wichtig genommen?
Es ist nun einmal so, dass der internationale Spitzensport, EM, WM und Olympische Spiele besonders in der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Das heißt aber nicht, dass der Spitzensport für die FN wichtiger ist als der nationale Turniersport und WBO-Veranstaltungen. Der Spitzen – und Turniersport ist in seiner Gänze ein Grundbaustein für die FN und das DOKR. Daher müssen wir ihn wichtig nehmen, ansonsten würden wir unseren satzungsgemäßen Auftrag vernachlässigen. Und ein Großteil der Refinanzierung der FN erfolgt direkt und indirekt über den Turniersport.
Aber: von außen kommend – und hier kann ein Vorteil sei, wenn man ohne Altlasten Dinge hinterfragen kann – , sehe ich ein Ungleichgewicht: Wir haben 100.000 Turnierreiter*innen bei rund 700.000 Mitgliedern. Dieses Verhältnis muss Fragen aufwerfen und birgt für mich sowohl ein Risiko- als auch Chancenpotential. Und die FN macht sich schon seit geraumer Zeit intensiv Gedanken darüber, wie man den Turniersport reformieren kann, so dass er auch in Zukunft noch attraktiv ist – und vielleicht auch für eine breitere Basis der Mitglieder interessant wird.
Sie sind auch der erste Verbandspräsident mit süddeutscher Vergangenheit, haben Sie einen neuen Blick auf Bayern und Baden-Württemberg? Wie schätzen Sie den Süden ein?
Turniersport und Ausbildung mögen im Norden und Westen eine längere Tradition haben, doch der Süden hat in den letzten Jahrzehnten erheblich aufgeholt. Baden-Württemberg ist mittlerweile der größte unserer Landesverbände, auch Bayern gehört zu den großen. Und auch in der Zucht kann die AG Süddeutsche sehr schöne Erfolge vorweisen und hat sich gut etabliert.
Aber sollten Sie aus meiner Vergangenheit die Erwartung ablesen, dass ich den Süden in irgendeiner Weise bevorzugen könnte, muss ich Sie enttäuschen. Ja, ich habe viele Jahre im Süden gelebt – und bin auch des Schwäbischen ein bisschen mächtig. Aber fast genauso viele Jahre verbrachte ich im Hessischen, ich lebe seit 20 Jahren in Nordrhein-Westfalen, meine Eltern sind gebürtige Bremer und ich habe viele Freunde in den neuen Bundesländern. Das ist eine ganz gute Voraussetzung, um die Vorzüge von Diversität schätzen zu können.
Gibt es so etwas wie eine Maxime Ihres Handelns in Ihrer Amtszeit?
Ich würde meine persönliche Maxime nicht auf eine Amtszeit in einem Job oder Ehrenamt beschränken, sondern sie gilt eigentlich immer und ist recht simpel: „Integrität“. Irgendjemand hat einmal gesagt: „Integrität ist auch das, wie du dich verhältst, wenn keiner zuschaut“. Das gefällt mir!
Die Veränderung findet an der Basis statt. Wie kann die FN konkret den Vereinen und Reitbetrieben helfen?
Einspruch! Veränderung findet nicht einseitig an der Basis statt. Für Veränderung bedarf es ein komplexes Zusammenspiel von vielen Kräften. Veränderung nachhaltig zu etablieren, ist für mich die Königsdisziplin eines guten Managements.
Der FN kommt hier die Rolle des Enablers zu! Das heißt, sie muss die Voraussetzungen schaffen, dass die dezentralen Organisationseinheiten in den Landesverbänden, den Betrieben und Vereinen vor Ort in der Lage sind, sich weiterzuentwickeln, Neues anzugehen, neue Wege zu beschreiten, um ihre Basis zu erweitern. Dies hat die FN auch in der Vergangenheit so gemacht, man denke nur an den PM-Schulpferdecup, an die Projekte „Pack an – mach mit“ oder „Kleine Kinder, kleine Ponys“, an den Gründerwettbewerb für Ponyreitschulen, an die verschiedenen Förderprojekte für ländliche Turnierveranstalter oder auch an die Betreuung von rund 1.000 Schulsport-AGs bundesweit. Das Credo lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Dinge in die Hand nehmen müssen jedoch die Menschen vor Ort. Dazu braucht es im Verein viele Engagierte. Auch hier fördern wir den Nachwuchs mit einem Programm „Junges Ehrenamt“. Mit unseren Landesverbänden unternehmen wir viel, um junge Leute fürs Ehrenamt zu begeistern und sie auch auszubilden, damit ihnen die Arbeit leichter von der Hand geht und sie Spaß haben, dabei zu bleiben.
Zum Schluss noch ein Ausblick: Wie soll der Pferdesport in zehn Jahren aussehen?
Natürlich wünsche ich mir auch, dass Reiten dann noch olympisch und paralympisch ist und wir die erfolgreichste Nation in Pferdesport und Pferdezucht bleiben.
Ich wünsche mir aber vor allem, dass weiterhin Millionen Menschen Freude am Umgang mit ihrem Sportpartner Pferd haben, egal ob sie reiten, fahren, voltigieren oder Bodenarbeit machen. Ich wünsche mir, dass ihre Pferde gute Haltungsbedingungen vorfinden, dass wir gutes Reiten und Horsemanship egal in welcher Disziplin vorfinden. Und dass wir es geschafft haben, wieder ganz allgemein mehr Menschen für das Pferd zu begeistern als im Jahr 2021.
Hierzu müssen wir es schaffen, den Pferdesport noch viel mehr als bisher im Schulsport zu etablieren und insbesondere ein spannendes Angebot auch für die männliche Jugend zu machen. Hier sehe ich ein riesiges, noch nicht genutztes Potential.
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