„Es war richtig, alles zu stoppen“
Er hat zumindest zwei Blickwinkel auf die Pandamie: Axel Rümmele (Bildmitte im roten Shirt) aus Rot am See – Notfallmediziner und im Turnierleiterteam der Events von Rot am See, äußert sich jetzt im Reiterjournal-Interview über seine Erlebnisse als Arzt mit dem Corona-Virus, seine Ansicht über die Maßnahmen der Politik und der Reiterverbände im Land. Axel Rümmeles Verein Rot am See im Hohenlohischen veranstaltet am Wochenende, wenn die Turniere im Land wieder „aufgehen“, gleich ein Ponyturnier mit wichtigen Prüfungen.
Das Interview führte Reiterjournal-Redakteur Roland Kern.
Herr Rümmele Sie sind Arzt, Anästhesist am Klinikum Stuttgart, wie hat Covid 19 in den vergangenen Monaten Ihr Leben geprägt?
Beruflich war es natürlich Thema Nummer eins. Und privat hat es alles Geplante zum Stillstand gebracht. Da war ich dann fast schon wieder froh, täglich in die Arbeit zu können.
Haben Sie Covid-19-Fälle mit schwierigen Verläufen erlebt?
Ich hatte eine ganze Reihe solcher Patienten selbst mit behandelt. Für knapp acht Wochen war ich auf einer Isolations-Überwachungsstation mit ausschließlich CoViD-19 Patienten eingesetzt. Durch gerade noch rechtzeitige Maßnahmen der Politik blieben uns Bilder wie aus Bergamo, Straßburg oder Madrid glücklicherweise erspart. Trotzdem hatten wir neben vielen erfreulichen Verläufen schwerstkranker Patienten auch immer wieder bittere Schicksale zu begleiten. Das lässt einen den Ernst der Lage schon noch einmal anders wahrnehmen.
Sie sind aber auch Reiter und gehören zum Organisationsteam der Reitturniere in Rot am See an. Waren die Lockdown-Maßnahmen für den Reitsport aus Ihrer Sicht angemessen und vernünftig?
Es war auf jeden Fall richtig, alles zu stoppen. Wir wurden von der Pandemie, wie viele andere Veranstalter auch, kurz vor Saisonbeginn erwischt. Eigentlich war alles geplant. Obwohl Ich das SARS-CoV-2 Virus bereits seit Januar 2020 auf dem Schirm hatte, musste ich meine Einschätzung der Lage-Entwicklung in der dynamischen Situation mehrmals revidieren. Ich ging zunächst eher von einem eher regional begrenzten endemischen Geschehen wie bei SARS oder Vogelgrippe aus. Da wir sehr wohl einen Sinn hinter den behördlichen Vorgaben sahen, haben wir dann unsere Veranstaltungen abgesagt, aber die Ausschreibungen weiter eingereicht. um wie jetzt im Falle eines Re-Starts sofort dabei sein zu können.
Hatten Sie das Gefühl, dass medizinische Gesichtspunkte dabei überhaupt entscheidend waren?
Es gab ja initial zwei Ziele. Einerseits sollte die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verhindert werden. Dazu waren einfach die ganzen Kontaktbeschränkungen notwendig. Andererseits sollten die Intensivbetten nicht durch verhinderbare Unfälle unnötig belegt werden. Es war wichtig Risiken, die wir sonst mit einer guten medizinischen Versorgung in der Hinterhand problemlos eingehen können, zur Ressourcenschonung zu vermeiden. Und dazu gehörte auch das für die meisten eher abstrakte Risiko von Reitunfällen. Insofern gab es genügend medizinische Notwendigkeit, erstmal alles auf Eis zu legen.
Fühlten Sie sich von den Reiterverbänden gut vertreten?
Ehrlicherweise großteils Nein. Bis auf einen viel zu späten Brief, war für uns Turnierveranstalter keine Lobbyarbeit nach außen hin sichtbar. Und auf Nachfrage kamen auch keine Antworten, die uns signalisierten dass unsere Interessen verstanden waren. Gefühlt hat der informelle Austausch innerhalb der Szene der Turnierveranstalter und Reiter deutlich besser geklappt, als irgendwelche Verbände oder Gremien den Pferdesport gegenüber der Politik repräsentiert haben. Also haben wir das selbst in die Hand genommen und uns mit dem Kultusministerium, diversen Politikern sowie den lokalen Behörden ausgetauscht. Dass die Ausschreibungsanmeldung und Genehmigung aktuell deutlich veranstalterfreundlicher ist, haben wir aber natürlich dankbar zur Kenntnis genommen.
Sie kritisieren, dass es zu lange laut der Coronaverordnung nicht möglich war, Turniere zu veranstalten. Sie hätten das schon früher für umsetzbar gehalten?
Naja, es war keine generelle Kritik an der Dauer. Während der Phase als das Training untersagt war, hat das alles infektiologisch Sinn gemacht.
Aber zu dem Zeitpunkt als dann laut Corona-Verordnung Sportstätten Trainingsbetrieb möglich war, wären bei einer Individualsportart wie Reiten auch Wettkämpfe möglich gewesen. Denn in der Praxis war der Unterschied dann nur noch, ob der Ritt als Wettkampf bewertet, rangiert und offiziell bei der FN registriert wird, oder eben bei einem Training nicht. Das war dann nur noch eine verwaltungsrechtliche Angelegenheit und keine infektiologische Maßnahme mehr. Den Verantwortlichen im Ministerium waren solche Details bei der Ausarbeitung der Verordnungen wahrscheinlich gar nicht bewusst. Aber durch gute Lobbyarbeit, wie wir Turnierveranstalter und Reiter dann einfach selbst Schluss gemacht haben, hätten unsere eigentlichen Interessenvertreter schon früher auf eine Angleichung der Regelungen hinwirken können.
Jetzt gehört Ihr Verein zu den ersten, die ein Turnier veranstalten: Ein Pony-Dressurturnier am 19. und 20. Juni, warum ist Ihnen diese Rückkehr zur Normalität so wichtig?
Wir haben in Rot am See optimale Bedingungen, um Turniere mit genügend Abstand zu veranstalten. Das wollen wir nutzen und der Szene Halt geben. Und wir sind immer gerne mit Vorreiter. Zudem stand ich unter anderem auch mit Martin Romig, dem Manager des Basketball-Bundesligisten Crailsheim Merlins, quasi als Nachbar, in Kontakt. Wir haben uns zu Hygiene-Konzepten beim Finalturnier der Basketballer ausgetauscht und diskutiert. Das motiviert natürlich selbst, zu zeigen dass man verantwortungsvoll Sport treiben kann. Und gibt gleichzeitig die Chance, den Menschen das Leben auch wieder ein wenig lebenswert zu machen.
Jetzt gibt es Turniere ohne Zuschauer – aus Ihrer Sicht der richtige Weg?
Aus medizinischer Sicht vorerst der vernünftige und einzig richtige Weg. Auch wenn mir das Herz dabei blutet.
Es gelten außerdem Hygieneregeln, welche machen Ihrer Meinung nach Sinn und welche nicht?
Die aktuelle Corona-Verordnung Sportwettkämpfe halte ich momentan für recht gut gelungen. Wichtig ist aber, dass sich alle an diese Regeln halten. Denn auch hier gilt die Binsenweisheit, dass eine Kette nur so stark wie das schwächste Glied ist. Und ich möchte im Reitsport keine Vorfälle sehen wie den Augsburger Fußball-Trainer Heiko Herrlich, der die Quarantäne bricht, um mal eben Zahnpasta zu kaufen... Außerdem haben wir teilweise Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet, da möchten wir im ungünstigsten Fall ja auch keine Verschleppung durch die ganze Republik fördern. Fragen Sie mich nach dem ersten Turnier nochmal, ob das dann auch so sehe...
Wie geht das bei Ihnen in Rot am See, schaffen Sie ein Turnier in den schwarzen Zahlen?
Das hoffen wir doch! Wir betreiben ja seit etlichen Jahren verschiedenste Turnierformate vom WBO-Tag über Late Entries bis hin zu S**-Prüfungen in Dressur und Springen. Da kennen wir unsere Cash-Cows natürlich. Unser erster Vorsitzender und Turnierchef Dr. Volker Hollenbach ist Steuerberater. Mit ihm haben wir natürlich einen absoluten Profi. Wir haben diverse Konzepte seit Beginn der Pandemie durchdiskutiert und schauen jetzt, was wir realisieren können.
Sie sind auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, können Sie weiter auf Sponsoren bauen?
Das ist von den konkreten Veranstaltungen abhängig. Beim Pony- Dressur-Turnier haben wir zum Beispiel einen fantastischen Rückhalt aus der Szene selbst. Andere Formate tragen sich selbst. Außerdem haben wir auch Zusagen von bisherigen Sponsoren, uns weiterhin zu unterstützen. Darüber hinaus sehen wir natürlich dass etliche unserer Sponsoren selbst auch mit der Pandemie zu kämpfen haben und haben wie gesagt auch unsere Veranstaltungskonzepte angepasst. Wichtig ist uns, auch zu den Sponsoren einen guten Kontakt zu halten, die momentan den Gürtel enger schnallen müssen. Um unsere Verbundenheit zu zeigen.
Im Juli ist Ihr großes Hohenloher Reit Event – nicht abgesagt! Ziehen Sie es durch?
Wir hätten in diesem Jahr das 20. Jubiläum gehabt. Und schon viele tolle Ideen. Das können wir so nicht machen. Aber es wird sicherlich eine Corona-Version mit anspruchsvollem Pferdesport geben. Und die Jubiläums-Feierlichkeiten holen wir dann gebührend nach!
Ihre Prognose als Arzt – haben wir das Virus überwunden?
Die erste Welle ja. Ich hoffe unsere Gesellschaft hat genügend Disziplin, weitere Wellen zu verhindern. Neuseeland, mit der Besonderheit der Insellage, hat es unter klugen Führung der Premierministerin Jacinda Ardern geschafft, keinen SARS-CoV-2 positiven Patienten mehr zu haben. Da können wir uns alle sicher ein Beispiel nehmen. Trotz aller Bedenken halte ich Abstand, Mund-Nasen-Schutz und konkrete Kontaktverfolgung über Anwesenheitslisten und die Corona App momentan für sehr sinnvoll.
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