Frederic Wandres: „Von nichts kommt nichts“
Es ist ein Heimspiel mit 500 Kilometern Anreise: Frederic Wandres, Dressuraufsteiger des Jahres und gebürtiger Badener, Bereiter am Stall Kasselmann in Hagen, startet im Donaueschinger Dressurviereck und spricht mit Reiterjournal-Redakteur Roland Kern über seine reiterlichen Anfänge in Baden-Württemberg und über die Ziele, die er sich nicht setzt.
Frederic, Du bist selten in Baden-Württemberg. Kommen jetzt trotzdem Heimatgefühle hoch?
Frederic Wandres: Ja doch, eigentlich immer, wenn ich in die Richtung fahre. Ich mag den Süden. (lacht) Das Gras ist hier grüner.
Frederic Wendres ist in Kehl bei Offenburg am Rande des Schwarzwalds geboren und aufgewachsen. Seine Trainer waren der baden-württembergische Ausbilder Michael Bühl, als dieser in Gengenbach ansässig war, zeitweise Claudia Kaiser und Bertin Pötter auf dem Kaiserhof in Legelshurst, später Lone Jörgensen in Münchingen. Dennoch, Frederic war in seiner Jugend in Baden-Württemberg als Reiter nicht bekannt, nie in einem Nachwuchskader des Landes, nie auf einer Landesmeisterschaft.
Frederic, wie kam das, in welcher Versenkung warst Du damals verschwunden?
Das war damals kein Thema für uns. Mein Vater hat mir ein dreijähriges ungerittenes Pferd gekauft, da war ich 14 Jahre alt. Er war der Meinung, ich sollte mich durchbeißen und es alleine schaffen. Also hatte ich nie für einen Nachwuchskader im Land das passende Pferd zur richtigen Zeit.
War das eine kluge Entscheidung?
Heute glaube ich: ja absolut! Es war meinem Vater wichtig, das ich meine sportlichen Erfolge möglichst alleine erarbeite und beim Sport selbstständig werde. Es war eine bewusste Entscheidung, mir damals kein ausgebildetes Pferd zu kaufen. Das wäre zu leicht gewesen. Ich denke schon, dass mir das später geholfen hat. Es hat zumindest meine Einstellung zum Sport geprägt. Den sportlichen Ehrgeiz und den Willen zum Erfolg, den habe ich von ihm mitbekommen.
Frederic Wandres Vater Jürgen ist Jurist und im Ehrenamt Fußballtrainer. Er hat die Sportlerkarriere seines Sohnes gemanagt – für Reiter auf eine ungewöhnliche Art, aber erfolgreich, wie man heute weiß. Dennoch war es den Eltern wichtig, dass Frederic nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolvierte.
Können Deine Eltern Deinen beruflichen Erfolg als Sportler heute schätzen?
Ja, auf jeden Fall. Sie waren ja auch nicht dagegen. Mein Vater hat immer gesagt: wenn, dann richtig und nur bei den Besten. So bin ich ja auch nach meiner ersten Ausbildung an den Stall Kasselmann gekommen. Ich bin erst vorgeritten, habe dann ein Praktikum gemacht. Dann wurde ich als Lehrling eingestellt. Die Adresse hatte mein Vater als Nicht-Reiter recherchiert. Und mittlerweile kennt er sich sogar mit Zuchtlinien aus, manchmal besser als ich. Er begleitet meine Reiterei sehr eng. Wenn ich mal einen Durchhänger habe, ist er es, der mich aufputscht. Mein Bruder ist, wie mein Vater, Jurist geworden. Ich glaube, einer reicht.
Wie oft seht Ihr Euch?
Selten, wenn ich auf einem Turnier im Süden bin, kommen sie zum Zuschauen. Mein Vater und meine Mutter freuen sich, mich zu sehen. Für meine Geschwister ist es eher eine Pflichtaufgabe. Sie machen sich nichts aus Pferden.
Hat Dir die kaufmännische Ausbildung eigentlich was gebracht?
In jedem Fall. Das verschafft mir einen besseren Durchblick zum Beispiel bei der Betriebsführung und bei rechtlichen Fragen. Ich habe das nie bereut.
Was fasziniert Dich an Deinem Beruf?
Jeden Tag mit Tieren zu arbeiten und sie voranzubringen, es ist die größte Freude, wenn ein Pferd, das ich dreijährig bekommen habe, drei Jahre später Weltmeisterschaften geht. So etwas gibt mir viel.
Es heißt, Du reitest 15 Pferde am Tag. Hört der Spaß nicht irgendwann auf?
Das ist eben der Job eines Berufsreiters. Das ist kein Zuckerschlecken und von nichts kommt nichts. Ich habe einmal im Jahr Urlaub, das muss reichen.
Nach seiner Ausbildung am Stall Kasselmann ging Frederic Wandres zunächst als Bereiter ans Gestüt Bonhomme bei Berlin, dann 2017 wieder zurück nach Hagen. Seinen Durchbruch an die Spitze Deutschlands und der Welt schaffte er in der Saison 2018, in der mit dem Hannoveraner Wallach Duke of Britain unter anderem in London die Weltcup-Kür gewann. Das ging dann gerade so weiter. In diesem Jahr gelingen ihm sensationelle Erfolge: Gold bei den Deutschen Meisterschaften und der Sieg im Hamburger Derby.
Wie verarbeitest Du diese Sensationserfolge emotional?
Ja, manchmal muss ich mich wirklich kneifen, um zu begreifen, dass alles wahr ist. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das Jahr 2018 noch einmal toppen könnte. Da muss ich mich in erster Linie natürlich bei der Familie Kasselmann bedanken, dass sie mir das alles ermöglicht. Ich genieße es sehr. Aber ich weiß auch, dass morgen wieder alles vorbei sein kann, so ist der Sport.
Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn Duke of Britain verkauft würde. Man darf wohl davon ausgehen, dass kein Pferd im Stall Kasselmann unverkäuflich ist, oder?
Tja, das würde ich auch so sagen. Aber in diesem Stall kommen auch immer wieder gute Pferde nach, deshalb bin ich da ziemlich ruhig. Im Moment ist dieses Pferd ja auch ein ganz gutes Aushängeschild für unseren Stall. Außerdem freue ich mich auch, wenn Pferde, die ich ausgebildet habe, unter anderen Reitern erfolgreich sind. Dann hat man als Berufsreiter einen guten Job gemacht.
Wo siehst du Dich in der Zukunft? Selbstständig, angestellt, vielleicht zurück im Süden?
Ich bin sehr abergläubisch, deshalb plane ich nicht so gerne in die Zukunft. Vielleicht bin ich in fünf Jahren ganz oben, vielleicht setze ich mich auf die Malediven ab, man muss es nehmen, wie es kommt.
Liest Du eigentlich Reiterjournal?
Klar, jeden Monat. Ich bin damit aufgewachsen.
Beim CHI in Donaueschingen reitet Frederic Wandres in der Großen Tour, aber auch in der Qualifikation zum Nürnberger Burgpokal den Oldenburger Schimmel Hot Hit. Dieser ist so, wie er heißt: heiß. Auf dem Abreiteplatz stören ihn die Fliegen, er bockt oft. Wandres sitzt stoisch wie ein Buddha in seinem Sattel.
Du wirkst extrem ruhig und konzentriert beim Abreiten, ist das immer Deine Art?
Es gibt für jedes Pferd einen Plan, den muss ich haben, bevor ich aufsteige. Und bei Hot Hit lautet der Plan: Ich bleibe so lange ruhig, bis er auch ruhig wird. Es freut mich, wenn das erkannt worden ist. Das ist auf einem anderen Pferd aber anders.
Wie oft bis Du eigentlich zuhause in der Ortenau?
Sehr selten, wir haben das ganze Jahr über so viel zu tun. Und meistens bin ich ja in der Saison schon ab Mittwochs auf dem nächsten Turnier. Über Weihnachten und Neujahr habe ich Urlaub, da will ich bei meinen Eltern sein. Das nächste Mal in Baden-Württemberg werde ich wohl in Stuttgart sein. Duke of Britain soll wieder Weltcup gehen.
Foto: Kalle Frieler
Ähnliche Meldungen
Warte mal kurz...
Hat Dir der Beitrag gefallen? Ja? Dann schnupper doch mal in unsere Printausgaben.