"Wir können nur täglich unser Bestes für das Pferd tun"
Am Sonntag, 18. Oktober, hat der Tierarzt, Pferdezüchter und Reiter Benjamin Graveley in Tettnang eine Podiumsdiskussion zum Thema „Pferdesport, wo willst du hin?“ organisiert. Auf dem Podium werden neben ihm selbst ein Vertreter der Initiative „R-haltenswert“, des deutschen Reiterverbandes „Pferdesport Deutschland“, Markus Lämmle, der Leiter der Landesreitschule in Marbach, sowie sein Tierarztkollege Gerd Heuschmann vertreten sein. Die Veranstaltung findet statt auf dem „Hopfengut No20“ (Beginn 14 Uhr) und spricht Akteure des Pferdesports an, die den Sport im Sinne des Tierwohls und der gesellschaftlichen Akzeptanz weiterentwickeln wollen.
Graveley kündigt an: „Die Podiumsdiskussion soll der Startschuss einer Mission sein, um den Pferdesport nachhaltig zu verändern. Wir müssen die gesellschaftliche Akzeptanz verbessern und dürfen trotzdem mit dem Pferd gemeinsam arbeiten und Sport treiben.“
Eine Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung aber erforderlich unter: info@pferdepraxis-graveley.de
Im Vorfeld der Veranstaltung hat Roland Kern mit Benjamin Graveley ein Interview geführt, hier im Wortlaut:
Herr Graveley, Sie überschreiben die Podiumsdiskussion am 18. Oktober mit dem Satz „Pferdesport, wo willst du hin?“. Kann man daraus schließen, dass sie den Pferdesport aktuell auf Ab- oder Irrwegen sehen? Läuft da was in die falsche Richtung?
Ich liebe Pferde und den Pferdesport und möchte ihn erhalten. Ich sehe aber in der Vergangenheit und Gegenwart Dinge, die man besser machen kann. Vor 25 Jahren traf man auf breitensportlichen Turnieren Pferde aller Rassen und vielseitig einsetzbar. Heute treten die Pferde auch in einer A Dressur schon die Lampen aus. Je mehr Geld im Spiel ist, desto ungeduldiger wird der Mensch und verliert den Kern der Sache aus den Augen, das Pferd. Wir müssen unser Augenmerk wieder auf das Wesentliche lenken. Sowohl in Zucht und Sport. Das Pferd und sein Wohlergehen in menschlicher Obhut müssen immer im Mittelpunkt stehen
„Der Reitsport ist noch zeitgemäß“
Gibt es Ihrer Ansicht nach ein strukturelles Tierwohl- oder gar Tierschutzproblem im Turniersport – oder sind die negativ auffälligen Reiter nur „schwarze Schafe“, wie man manchmal sagt?
Wir haben laut Befragungen mehr als zwei Millionen Menschen, die sich Reiter nennen, aber nur knapp 70 000 die eine Turnierlizenz haben. Die Gesellschaft verändert sich und auch der Blick auf den Reitsport. Große Magazine titeln, ob der Reitsport noch zeitgemäß ist. Ich glaube ja. Dafür trägt aber der Spitzensport eine Vorbildfunktion, die aber den normalen Alltag nicht abbildet. Es gilt die Akzeptanz in der Gesellschaft zu wahren und den Breitensport zu stärken und das geht nur gemeinsam.
Ist Pferdesport im Sinne der Ausbildung eines Pferdes nach der deutschen Reitlehre nicht ein Tierschutzprojekt ansich?
Wir müssen differenzieren. Statistisch betrachtet, nein! Den Sportpferden fehlt es an nichts. Wir haben im Vergleich zu den vielen und regelmäßigen Pferdekontrollen wenig Auffälligkeiten im Breiten- und im Spitzensport. Aber öffentlichkeitswirksam betrachtet, ja! Die schlechten Bilder, die es ohne Frage gibt, bleiben, für den Laien, ungestraft. Offensichtlich tierschutzwidriges Verhalten wird zu wenig nachverfolgt und gestraft. Jeder Reiter, egal ob im Breiten- oder Spitzensport muss sich bewusstwerden, das wir im Fokus der Öffentlichkeit stehen.
Sie sind Tierarzt, Reiter und Pferdezüchter, haben Sie nicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass gut trainierte Pferde gesünder und fitter sind?
Pferde sind nicht zum Reiten gemacht. Der Mensch hat das Pferd dahin entwickelt, das es den Menschen akzeptiert und mit ihm zusammenarbeitet. Die klassische Reitlehre und ihre korrekte Umsetzung sind essentiell, um das Pferd gesund zu erhalten. Wir formen aus einer zum Hängen entwickelten Konstruktion ein Tier, das sich in Aufrichtung bewegt und einen Menschen trägt. Dafür ist eine korrekte Ausbildung essenziell. Gut trainiert heißt auch gut geritten und vor allem ausgebildet und dort herrscht heutzutage ein Defizit. Der Skala der Ausbildung wird oft nicht die Bedeutung zugestanden, die sie hat. Jede einzelne Stufe muss durchschritten werden um auf die Nächste zu kommen. Jeder darf Reitunterricht geben, egal welche Kenntnisse er besitzt. Wir geben das Wissen ungenügend an die jungen Reiter weiter und damit schaffen wir, für Mensch und Pferde eine Loose-Loose Situation Wir haben Spezialzüchtungen in Springen und Dressur, wenig doppelt veranlagte Pferde und ein immens schnelllebiges Geschäft, das den Pferden oft nicht die Zeit lässt, die sie benötigen. Bei einer vielseitigen, nachhaltigen und korrekten Ausbildung und bestenfalls einer artgerechten Haltung steht einem langen Leben als Reitpferd wenig im Weg.
„Muss ein Sechsjähriger über 1.30 Meter springen?“
In der Podiumsdiskussion soll auch das Reglement angesprochen werden – gibt es da Ihrer Ansicht nach Änderungsbedarf?
Ja, sonst würde ich das Thema nicht auf die Agenda setzen. Meine Passion ist das Pferd und der Pferdesport. Der muss erhalten bleiben und zukunftsfähig gemacht werden. Warum darf ich den hohen Springklassen alles ins Maul schnallen, was ich möchte? Warum wird international die Blood Rule aufgeweicht? Gehört ein Dreijähriger aufs Turnier? Muss ein Sechsjähriger über 1.30 Meter springen? Solche Punkte gilt es anzusprechen und zu diskutieren
Sehen Sie grundsätzlich beim Verband Pferdesport Deutschland ein Problembewusstsein angesichts einer oft kritischen Öffentlichkeit gegenüber dem Turniersport?
Ja. Ich glaube, wenn dieses nicht da wäre, hätten wir ein noch viel größeres Akzeptanzproblem. Es hat sich etwas verändert. Nichtsdestotrotz muss es eine stete Weiterentwicklung geben, im Sinne und zum Wohle des Pferdes. Stillstand ist ein Rückschritt.
Und bei den Reitern selbst?
Die Reiter posten Image Videos, ihre Ställe und Koppeln, veröffentlichen ihre Trainingspläne. Da sieht man, dass sich viele Gedanken machen. Man hört von älteren Reitern auch kritische Töne zum Thema Vergangenheit und dass sie sich kritisch hinterfragen. Daraus müssen wir lernen. Wir Pferdeleute leben in einer Bubble, in die von außen schlecht reinzukommen ist. Es gibt genügend kritische Stimmen und innerhalb der Bubble muss es möglich sein, Missstände aufzuzeigen, ohne gleich als Nestbeschmutzer oder Whistleblower zu gelten und geächtet zu werden.
Woher kommt die kritische Haltung in der Öffentlichkeit? Ist es nicht eher so, dass die Kritik hauptsächlich von Personen kommt, die sich mit dem Pferdesport gar nicht intensiv beschäftigen, geschweige denn mit dem Verhalten eines Pferdes? Wie können Reiter diese Personen überzeugen?
Da liegt viel Arbeit vor uns. Wie kann man die „Momentaufnahmen“, die für den Laien meinungsbildend sind, vermeiden. Alle müssen sich dessen bewusst sein, auch der Spitzensport als Leuchtturm des Pferdesports. Es gibt viele Beispiele für gutes Reiten, Anja Beran, Markus Ehning, Julie von Bismarck, Steve Guerdat. Wir müssen uns jeden Tag der Beobachtung der Gesellschaft bewusst sein. Spitzenreiter, reiten Spitzenpferde auf Spitzenevents und bringen Spitzenleistungen unter den Augen vieler Menschen. Das es da gelegentlich zu nicht optimalen Bilder kommt ist verständlich, aber das Bewusstsein muss da sein und muss klar benannt werden dürfen. Wir können nur täglich unser Bestes für das Pferd tun, um die Gesellschaftliche Akzeptanz zu erhalten, oder gar zu steigern und gerade der
„Gesellschaftliche Akzeptanz verbessern“
Andererseits hat der Pferdesport auch eine wachsende Zahl begeisterter Fans, die WM in Aachen war ein sehr gutes Beispiel. Wie passt das Ihrer Ansicht nach zusammen?
Aachen ist Aachen und wird Aachen bleiben. Das Pferdemekka mit dem größten Stadion der Welt. Wir müssen uns aber entscheiden, wohin die Reise geht. Wollen wir Show für die Massen oder wollen wir klassische Reitkunst für Pferdemenschen?! Und da kollidiert das Wirtschaftsunternehmen mit der Pferdewelt und der klassischen Reitlehre. Dieses Problem gilt es zu benennen und in der Zukunft zu lösen. Ist der Reitsport massenkompatibel, oder ist der Reitsport, und damit auch eine WM in Aachen für ein kleineres Publikum gemacht.
Was versprechen Sie sich von Ihrer Podiumsdiskussion? Und wie soll es dann weitergehen?
Die Podiumsdiskussion soll vor allem eines: vernetzen und Diskussionen starten. Sachlich, auf Augenhöhe und respektvoll. Die Teilnehmer kommen aus vielen Sparten der Pferdewelt. Pferdesport Deutschland, Haupt und Landgestüt Marbach, die Initiative R-Haltenswert und ich. Meine Passion, das Pferd habe ich schon benannt. Meine Vision ist ein Pferdesport, wobei alle Sparten der Reiterei eingeschlossen sind, der auch in 50 Jahren noch gesellschaftlich akzeptiert wird und damit erhalten bleibt. Das Pferd und sein Wohl stehen zu jeder Zeit im Mittelpunkt unseres Handelns. Die Podiumsdiskussion soll der Startschuss einer Mission sein, auf die ich mich in Zukunft, hoffentlich mit ganz viele Mitstreitern begebe, um den Pferdesport nachhaltig zu verändern. Wir müssen die gesellschaftliche Akzeptanz verbessern und dürfen trotzdem mit dem Pferd gemeinsam arbeiten und Sport treiben.
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