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"Die Reiterei ist tatsächlich derzeit auf einem Tiefpunkt angelangt." - Interview mit André Hascher

Reiterjournal 06.04.2025

Die diskutierte Frage um den Erhalt des Reitsports nahm sich auch Viktoria Auracher an. Sie ist Gründerin von R-Haltenswert und hat es sich mit einem großen Team zur Aufgabe gemacht, den Reitsport zu erhalten. Eng an ihrer Seite steht dabei Anwalt André Hascher. Er ist Veranstalter und Netzwerker in der internationalen Reitsportwelt. Zudem ist er Vorstandsvorsitzender vom Zuchtverband für deutsche Pferde und Mitbegründer des Dressurleistungszentrums Walldorf. Im Rahmen der FEI World Cup Finals äußerte er sich über die Initiative und den aktuellen Sport.

Wie kam es zur Gründung der Initiative? Was war die Grundidee dahinter?

Wir haben leider momentan große Schatten auf dem ganzen Reitsport. Man sieht es in Social Media und es ist nicht so, dass es eine reine Stimmungsmache wäre, sondern wir haben in allen Ländern wirklich große Reitsportskandale gehabt. Wir sind einfach der Meinung, dass Tierschutz eigentlich etwas ist, was alle Pferdeleute verbindet. Ich glaube, das ist jetzt auch gar nicht das Wichtigste zu sagen. Im Zweiten wollen wir alle den Reitsport erhalten, so kommt es ja auch zu dem Namen R-Haltenswert. Wir denken, der Reitsport ist mittlerweile in so einer tiefen Krise, dass es wichtig ist, dass Menschen aus der Mitte des Pferdesports, also Pferdeprofis sich darum kümmern, dass die Missstände behoben werden und dass der Reitsport dann auch wieder, wenn die Probleme behoben worden sind, in das richtige Licht kommen kann.

Was sind dabei Ihre Ziele? Mit welchem Konzept treten Sie den Problemen entgegen?

Also das Konzept ist sehr vielschichtig. Eigentlich will R-Haltenswert sämtliches Wissen alter Reiter oder Reitmeister und Meister aus der Zucht konservieren und auch wieder verbreiten, weil viele aus der jüngeren Generation teilweise diesen Wissensschatz nicht mehr haben. Das ist das eine.

Aber hier in Basel zum offiziellen Medienlaunch im Rahmen der FEI World Cup Finals wollten wir noch aktiver werden. Die Reiterei ist tatsächlich derzeit auf einem Tiefpunkt angelangt. Wir haben Reiter, die es ganz hervorragend machen - Das wollen wir auch immer wieder sagen. Aber wir haben ein großes Problem mit den Reithalftern, die fast flächendeckend zu eng verschnallt sind. Wir haben, wenn man wirklich mit Fachwissen draufschaut, ein großes Problem mit der Handhabung der Kandare. Die Kinnketten sind oft entweder viel zu lose oder viel zu eng. Beides führt aber dazu, dass der Gebrauch der Kandare nicht mehr korrekt funktioniert und sich teilweise dann auch direkt auf das Wohlbefinden des Pferdes auswirkt. Und wir haben im Springen, zumindest wenn wir jetzt hier vom FEI-Niveau sprechen, das Problem, dass der Schlaufzügel überhaupt nicht geregelt ist. Wir sehen hier in der Abreitefläche Reiter, die wirklich mit Schlaufzügeln sogar über 1,60 Meter hohe Abmessungen springen. Das ist in Deutschland (eigentlich) unvorstellbar - international möglich…

Und das in der Schweiz, obwohl dort die Schweizer Föderation den Schlaufzügel insgesamt verboten hat. Aber das gilt hier nicht, weil FEI-Recht dem nationalen Föderationsrecht vorgeht. 

Jetzt waren bei der Dressurkür Bilder dabei, die absolut erschreckend waren. Wie habt ihr reagiert? Gab es gestern schon Gespräche drüber?

Ja, ich bin Ihnen auch ganz dankbar, dass Sie das jetzt als Pressevertreterin ganz klar ansprechen. Also wir waren gestern Abend auch teilweise konsterniert, will ich sagen. Wir haben bei einem konkreten Pferd aufs Schärfste darum gebeten, das Pferd nochmal auf seine Kandare zu kontrollieren. Das wurde auch auf unser Drängen hin gemacht. Da muss man sagen, hat die FEI zumindest sofort reagiert. Aus unserer Sicht ist aber die Art und Weise, wie die Kontrolle verlaufen ist, wenn man das nach den Standards, die wir eigentlich hier zugrunde legen müssten, sich anschaut, grob fehlerhaft gemacht worden.

Das ist unsere persönliche Meinung, da kann man natürlich auch anderer Meinung sein. Aber aus unserer Sicht fehlt es da teilweise auch an Fachwissen bei den Stewards. Da müsste deutlich nachgearbeitet werden.