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Reiterjournal 27.04.2024
Um ein Pferd so ausbilden zu können, dass es gesund und leistungsbereit ist und bleibt, braucht es nicht nur reiterliches Geschick, sondern auch Wissen um das Zusammenspiel der verschiedenen Körperteile des Pferdes und der Verbindung von Anatomie, Biomechanik und Reitlehre.
Während die funktionale Anatomie das Zusammenspiel der Körperteile des Pferdes beschreibt, zeigt die klassische Reitlehre mit der Skala der Ausbildung wiederum den detaillierten, auf der Anatomie und der Natur des Pferdes aufbauenden Weg zum korrekt gerittenen Pferd.
Grundlage für ein harmonisches Bild unterm Sattel ist ein harmonisch gebautes Pferd. Dazu wurde ein einheitliches Zuchtziel für das Deutsche Reitpferd formuliert. Wünschenswert ist hier, dass die drei Körperabschnitte des Pferdes, also Vorhand, Mittelhand und Hinterhand im Idealfall jeweils ein Drittel der Rumpflänge ausmachen.
Das Verhältnis der Rumpflänge zur Widerristhöhe wird als Format bezeichnet. In der Dressur wünscht man sich eher Pferde im Rechteckformat, weil die Bewegungen dann schwingender und elastischer sind und das Pferd den Reiter so besser sitzen lässt. Im Springen ist hingegen eine eher quadratische Form das Ziel, also ein relativ kurzer, stabiler Rücken und eine effektive Winkelung der Hinterhand, um eine gute Sprungkraft zu gewährleisten.
Bei allen Pferden dient zum Beispiel ein langer, nicht zu tief angesetzter Hals als Balancierstange zur Sicherung des Gleichgewichts. Lange, schräg gelagerte Schultern mit langem Oberarm sorgen für raumgreifende Bewegungen.
Wichtig für die Beurteilung eines Pferdes und die daraufhin ausgerichtete Ausbildung, sind die Bewegungen der Tiere. Diese Beurteilung muss geprägt sein durch das Wissen über anatomische Grundlagen und die Bewegungsabläufe des Pferdes. Nur so können Überlastungen und Verletzungen vermieden werden.
Ein Zentrum der Biomechanik des Pferdes ist dabei der Pferderücken. Der lange Rückenmuskel erstreckt sich beidseits der Wirbelsäule vom Kreuzbein und Becken bis hin zum Widerrist. Seine Aufgabe ist es, zusammen mit dem Lendenmuskel die Kraft aus der Hinterhand nach vorne zu bringen. Der lange Rückenmuskel ist also der stärkste Bewegungsmuskel und dient ausschließlich der Fortbewegung. Damit das Pferd das Reitergewicht gut tragen kann, muss es mit genügend langem Zügel den Rücken hergeben. Dazu muss der lange Rückenmuskel von der Hinterhand aus anfangen zu arbeiten. Bei hergegebenen Rücken übernehmen das Skelett und das Nackenband passiv einen Hauptteil des Reitergewichts als passiver Tragemechanismus. So kann der lange Rückenmuskel seiner Aufgabe als Bewegungsmuskel nachkommen und die Kraft aus der Hinterhand über den Rücken Richtung Vorhand transportieren. Das Pferd geht dann losgelassen und schwungvoll.
Ziel des korrekten Reitens ist es, den Bewegungsapparat so zu kräftigen, dass das Pferd in der Lage ist, den Reiter mit seinen Muskeln zu tragen. Durch die Dehnungshaltung lernt das Pferd sogar nicht nur den Reiter, sondern auch sich selbst zu tragen. Der unverspannt schwingende Pferderücken ist also Grundvoraussetzung für eine richtige Ausbildung.
Weitere anatomische Zusammenhänge und ihre Bedeutung für das korrekte Reiten werden ausführlich in der E-Paper Ausgabe 11/2021 beschrieben.