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Samstag, 31.08.2019

Michael Jung und Deutschland bleiben auf der Spur - trotz Irritationen

Vorneweg: Die Geländeprüfung bei der EM in Luhmühlen verlief in Teilen besser als erwartet. Vor allem, was die zu erreichende Bestzeit anbetraf. Die 10:10 Minuten schätzten vorab viele noch als kniffelig ein, Geländedesigner Mike Etherington-Smith wollte sie als ein Kriterium der Selektion nutzen - doch dieses Vorhaben ging nicht auf. 20 von 72 Teilnehmern kamen in der Zeit fehlerfrei ins Ziel. Das ist zu viel für ein Championat. Auch zu viel für ein CCI4*. Der positive Aspekt: viele glückliche Reiter, motivierte Pferde, tolle Bilder für die zahllosen Zuschauer am Rande der Strecke in der Lüneburger Heide. Das Feld ließ sich so jedoch nicht im wesentlichen trennen. Dennoch gab es natürlich einige Überraschungen. Die Britin Kristina Cook und Billy the Red - in Tryon bei der WM noch unter den Top 10 - ebenso der Ire Sam Watson und Tullabeg Flamenco - Teil der Silbermannschaft in den USA hatten beispielsweise Vorbeiläufer und rutschten weit ab... ebenso musste die Dressur-Dritte Laura Collett mit London unerwartet die Piste verlassen, an 20b im letzten Wasser war für sie Schluss. Doch das waren die Ausnahmen.



Andreas Dibowski & FRH Corrida

Bei den meisten lief es fehlerfrei bis nahezu problemlos. Doch eins nach dem anderen. Als erster deutscher Teamreiter ging Andreas Dibowski mit der zehnjährigen Hannoveraner Stute FRH Corrida ins Rennen. Seine zunächst sechs Sekunden über die Zeit wurden korrigiert - es waren nur zwei. Damit hatte der Pathfinder gut vorgelegt und seinen Kollegen eine gewisse Sicherheit gegeben. Der Routinier war mehr als zufrieden: "Es ging alles super auf. Ich habe sie einfach nur galoppieren lassen. Sie sprang mächtig, aber immer in Balance. Es war echt eine Freude, wie sie immer bei mir blieb. Und sie hat bis zum Schluss sehr gute Sprünge gemacht." Etwas den Atem hielten alle an, als Corrida v. Contendro im letzten Wasser vor dem Vogel in den Trab fiel. "Sie wurde mir lang über die Kiste, aber ich wusste, dass sie auch sicher im Trab springt. Ich hatte sie halt bei der Landung nicht auf dem Hinterbein. Aber sie hat das souverän und sicher gemeistert - das war nicht gefährlich." Mit 35,4 Punkten arbeitete sich Dibowski von Rang 37 auf 22 im Einzel vor.



Kai Rüder & Colani Sunrise

Dann Kai Rüder mit Colani Sunrise. Der 13-jährige Oldenburger Wallach kann schon mal etwas hitzig vor dem Start sein, einen steigenden Colani Sunrise erlebte man bereits in Aachen. Und nun wieder. Zu früh hatte Rüder seiner Pflegerin gesagt, sie könne los lassen - ein Fehler. "Der Startbereich ist sehr eng", erklärte der Reiter. "Das Pferd war eigentlich bis dahin super entspannt, aber als er die Atmosphäre mitbekam, ging es los. Ich machte dann einmal das Bein eng - er sah den ersten Sprung und wollte nur da hin. Ich habe dann erstmal versucht, ihn auf meine Seite zu bringen. Man kann ihn zu nichts zwingen." Doch es ging wertvolle Zeit verloren. 50 Sekunden genauermaßen. Zehn Sekunden holte der Reiter von der Insel Fehmarn wieder raus auf der Strecke - mehr ging nicht. Das hätte nicht passieren dürfen. Colani Sunrise zeigte auf der Strecke, dass er seinem Reiter vertraut, schnurstracks flog er durch das Gelände. Sehr schade. Und für das deutsche Team zunächst nicht so gut. Doch Kai Rüder: "Michi und Ingrid machen das schon."



Michael Jung & fischerChipmunk FRH

Als nächster für Schwarz-Rot-Gold startete Michael Jung. Der Overnight-Leader und fischerChipmunk FRH gingen in ihr erstes Gelände bei einem Championat, nachdem Julia Krajewski den Hannoveraner Wallach im vergangenen Jahr in Tryon im Team vorstellte. Und es lief wie im Bilderbuch. Mit ihrem Dressurergebnis von 20,8 Punkten halten die beiden die Führung vor dem abschließenden Springen morgen. Doch eine unerwartete Situation sorgte für mächtig Irritationen beim Reiter und den Zuschauern: An Hindernis 17 vor dem letzten Wasser sprang ein Hindernisrichter vor den Sprung und wedelte mit den Armen, aber doch irgendwie unsicher. Man konnte es nicht einordnen. Auch Michael Jung nicht: "Das war so halbherzig, ich wusste gar nicht, was Sache war. Es hat mich voll abgelenkt und fischerChipmunk hat dann einen Shit-Sprung gemacht. Aber die Zuschauer riefen alle 'weiter-weiter'. Das war aber echt gefährlich, so direkt vor den Sprung zu laufen. Der komplette Schwung ging verloren und ich musste blitzschnell entscheiden. Die nächste Kombination lief dann auch nicht wie gewollt, aber Chipmunk hat es toll gemacht. Er gibt einem dann auch die Sicherheit. Es ist ein so tolles Pferd, der es mir sehr einfach macht. Ich musste einfach nur ruhig bleiben und warten. Es war so toll. Er hört einfach nur zu." Michael Jung betonte, dass er immer gewusst hätte, wie gut er ist, aber dass es so laufen würde, das könnte man nie vorhersagen. Häufig habe er mit Julia Krajewski am Anfang telefoniert, um die alltäglichen Dinge im Umgang mit fischerChipmunk herauszufinden, was er im Stall gerne hat, beim Transport... "Ich kann mir gut vorstellen, dass es Julia kratzt, dass er jetzt bei mir ist, aber letztlich hat sie sich auch dafür entschieden, ihn zu verkaufen und ich denke, es ist schöner, wenn er in Deutschland ist als vielleicht in Japan, auch für sie."



Ingrid Klimke & SAP Hale Bob OLD

So sieht es übrigens auch Ingrid Klimke mit dem Europameistertitel. Die Titelverteidigerin liegt nach ihrem Ritt noch immer an zweiter Stelle hinter Michael Jung mit ihrem Dressurergebnis von 22,2 Punkten und vor dem Franzosen Thibaut Vallette mit Qing du Briot (25,8), aber mit einem Michael Jung am Ende vorne "kann ich gut mit leben - solange es in Deutschland bleibt." Mit SAP Hale Bob OLD konnte die Reitmeisterin in der Lüneburger Heide nur so spielen. In 9:58 Minuten kamen die beiden ins Ziel. "Alles lief nach Plan. Ich hatte mir Michis Runde angesehen und gedacht: Genauso will ich auch reiten. Wir sind aber auch ein super eingespieltes Team. Einmal hat er am Wasser gezögert, aber das war es auch. Er hat so viel Vertrauen zu mir und umgekehrt. Ich bin einfach nur total glücklich. Pure Freude war das. Aber jetzt müssen wir uns auf morgen konzentrieren."

Im Team liegt Deutschland mit 78,5 Punkten immer noch komfortabel in Führung. Die Briten haben mit 92,8 Punkten derzeit den Silberrang inne, Frankreich folgt knapp dahinter mit 93,6 Punkten. Das wird eng um die Medaillen. Aktuell ein Ticket für Tokyo hätte Italien mit 99,2 Punkten an vierter Position sowie die Schweden mit 101,1 Punkten an fünfter Stelle.

Zu den deutschen Einzelreitern:

Nadine Marzahl und Valentine erlebten einen schweren Tag. Die zwölfjährige Hannoveraner Stute sprang super, doch Marzahl ließ nach dem Stadion den Rennbahnsprung aus. Später wurde sie rausgewunken. Bitter.

Als nächste kam Anna-Kathrina Vogel mit der zwölfjährigen Brandenburger Stute DSP Quintana ins Gelände. Und die beiden flogen über den Kurs - in 9:43 Minuten kam sie ins Ziel, 27 Sekunden unter der Zeit (!). Irre. "Unglaublich", stand der jungen Reiterin das Strahlen im Gesicht. "Sie ließ sich so toll reiten, wir hatten einen Rhythmus von Anfang bis zum Ende. Beim Acht-Minuten-Punkte merkte ich, oh, die ist noch richtig an. Ich wusste auch, dass ich sie da nicht rausnehmen kann - dann verliert sie ihren Atemrhythmus." Für Anna-Katharina Vogel und die Quality-Tochter ging es von 26 rauf auf 16.

Genauso happy kam Jörg Kurbel mit Josera's Entertain You aus dem Gelände - die beiden waren zehn Sekunden hinter der Zeit, aber der elfjährige Hannoveraner Wallach nahm jedes Hindernis easy mit. "Das war der Ritt meines Lebens. Es kam alles bam-bam-bam, aber er hat das sso gut gemacht. An der Steil-Steil-Kombination, der 10, wurde es sehr eng für ihn, aber er hat das alles selbst gelöst. Es war ein Traum - wie Fliegen. Er hat die Kombinationen einfach nur gerissen - geil!"

Direkt nach Kurbel startete Christoph Wahler mit dem Holsteiner Wallach Carjatan. Der zehnjährige Schimmel von Clearway war die ersten zwei Sprünge noch etwas irritiert von der Lautstärke der Zuschauer, machte ins erste Wasser noch einen "Hasensprung", aber erwischte dann die perfekte Distanz und fortan ging es nur noch geraderaus. "Am Meßmer Teich musste ich noch einmal kämpfen, um reinzukommen", so Wahler, "aber er ist das ehrlichste Pferd, was es gibt." Im Wald merkte Wahler, " dass noch viel Pferd da ist", und die beiden kamen mit einer Punktlandung von genau 10:10 Minuten ins Ziel. "Es war sehr flüssig, ich musste nie Zerren oder Wenden."Für Wahler ging es von 33 auf die 18.

Einen Satz nach vorn machte auch Anna Siemer mit der zwölfjährigen Hannoveraner Stute FRH Butts Avondale v. Nobre xx von 24 auf 15. Die Vollblutstute hatte keine Probleme mit dem Kurs. Im Gegenteil. Drei Mal ritt Siemer mit ihr den langen Weg - was fast keiner tat - und kam trotzdem sechs Sekunden unter der Zielzeit über die Finish-Linie. "Da hätte ich ja noch mal lang reiten können", lachte die fröhliche Blondine. "Hans hatte mir gesagt: Du hast das schnellste Pferd, dann zeig das auch... Du kannst lang reiten, aber du musst in der Zeit bleiben." Im Stadion, auf dem Hügel und beim Vogel im Wasser entschied sich Siemer für die sicherere Variante. "Ich musste nur zwei Mal schnalzen, nicht einmal musste ich treiben, es hat echt total Spaß gemacht. Wir sind halt beide klein und leicht und können schnell laufen."

Enttäuscht war hingegen Josefa Sommer. Mit dem 17-jährigen Hamilton v. Heraldik xx hatte sie einen Vorbeiläufer an 16c und 20a. "Beim Coffin war es ein bisschen meine Schuld", erklärte Sommer. "Am letzten Wasser war er dann einfach müde. Er hat sich vorher schon zerissen. Vielleicht, weil es unheimlich warm war. Die Luft war einfach raus nach den vielen Konzentrationsaufgaben. Ich kenne das so nicht von ihm. Er war noch nie müde in einer langen Aufgabe. An 16c hatte er in den Graben geguckt und der Sprung war zu hoch, um ihn aus dem Stand zu springen. Aber wichtig ist, dass wir gesund im Ziel sind."



Felix Etzel & Bandit

Dann der Schorndorfer Felix Etzel mit dem Hannoveraner Wallach Bandit v. Betel xx. Der elfjährige Dunkelbraune machte seinem Reiter das Leben nicht leicht, aber die beiden kamen mit nur 3,2 Zeitstrafpunkten sicher ins Ziel. "Puh, man schwitzt aus allen Poren", war das Perspektivkadermitglied geschafft nach dem Ritt. "Es war aber Hammer, in so einer Kulisse zu reiten, einfach atemberaubend. Das sind Momente, die man aufsaugt und mitnehmen muss. Wir haben alle Linien genommen wie geplant, im letzten Wasser hatte ich die längere Route anvisiert, weil wir da im letzten Jahr in der Fünf-Sterne-Prüfung einen Vorbeiläufer hatten. Ich bin mir aber sicher, er hätte das so auch gemacht."

Ganz stark unterwegs waren auch die Einzelreiter Sandra Auffarth und Viamant du Matz. Mit dem Selle Francais Wallach kam sie 14 Sekunden unter der Zeit ins Ziel und arbeitete sich von 22 auf 13 vor. "Wir hatten von Anfang bis Ende einen super Rhythmus. Es ist toll, so vom Publikum unterstützt zu werden - das war mega. Und er ist alles sicher gesprungen, das war ein unglaublich tolles Gefühl." (mos)

Ein top Resultat erzielte auch der Radolfzeller Felix Vogg mit dem Vollblüter Archie Rocks. 25 Sekunden waren die beiden unter der Zeit! Doch darauf war Vogg nicht sonderlich stolz: "Ich reite eigentlich gerne an die Zeit ran, hatte mich aber total vermanagt, die Minutenpunkte vergessen." Im Gelände lief es trotzdem sensationell mit dem elfjährigen Wallach für den Schweizer Reiter. "Ich bin froh, dass ich ihn geritten bin, da kann man auch mal was verbummeln und Sachen vergessen. Er weiß einfach nicht, wie der Weg am Sprung vorbei geht." (mos)

Fotos: Stefan Lafrentz

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