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132 Friesen im Guiness-Buch

Wie der Weltrekordversuch bei der Mannheimer Maimarkt-Equitana abgelaufen – und gelungen ist – Eine Reportage

Einen Moment lang könnte man einen Strohhalm auf den Sand fallen hören, so still wird es im Mannheimer Reiterstadion. Seyda Subasi-Gemicis macht es spannend. Ihr Jacket mit dem Aufnäher „Guiness World Records“ ist zugeknöpft, trotz der Hitze in der Arena, das Haar zum Zopf nach hinten gekämpft. Die Rekordrichterin des Guiness-Buchs wirkt staatsmännisch. Dann holt sie weit aus. „Der bisherige Rekord liegt bei 103 Pferden“, erklärt sie dem neugierigen Publikum, rund 2000 Menschen hängen an ihren Lippen. Die Türkin, die lange in Kaiserslauten gelebt hat, legt eine Kunstpause ein – ein bisschen Show gehört eben dazu. Ein bisschen wie Oscar-Verleihung. „Und die heutige Quadrille hat mit 132 Pferden diesen Rekord eingestellt“, ruft sie und strahlt als hätte sie persönlich einen Rekord aufgestellt. Der Jubel bricht sich seinen Bann. Es ist geschafft.

Drei Figuren, zwei Grundgangarten

Um kurz vor sechs am frühen Freitagabend steht es also fest: Die weltgrößte Quadrille mit Pferden wurde auf der Mannheimer Maimarkt-Equitana geritten. Rekordrichterin Seyda Subasi-Gemici aus der Redaktion der „Guiness World Records“ hebt den Daumen nach oben und 138 Herzen machen einen Sprung in die Luft, plus jene der Organisatoren. Der Weltrekord ist geknackt: 132 Friesen, aus ganz Deutschland zusammengetrommelt, haben sich fünf Minuten lang in einer Formation bewegt und im Schritt und Trab die verlangten Figuren gezeigt: einen Zirkel, eine Diagonale und eine Mittellinie. Das waren die Kriterien.

Damit wandert die Quadrille ins Guiness-Buch der Rekorde. Bislang lag der Rekord bei 103 Pferden, die gemeinsam eine Formation gebildet haben.

Melissa Simms Beerdigung

Zwei Stunden vorher haben Micha Mauritz und Daniela Martin zum letzten Mal die Stallzelte besucht, in denen die 138 Friesen einquartiert sind; sie blicken über ihre Boxentüren und sehen sich so ähnlich als wären sie kopiert. Schwarze Riesen, wallende Mähnen.

Die beiden Organisationschefs des Weltrekordversuchs sind erstaunlich ruhig, sehr konzentriert. Alles ist organisiert, ein dreiviertel Jahr Vorbereitung münden in das große Finale. Die Friesenreiter, es sind – wer hätte das gedacht – überwiegend Reiterinnen, laufen vor den Stallzelten in Reih’ und Glied die Figuren der Quadrille, die sie später im Sattel absolvieren werden. Am Abend zuvor hat die Generalprobe stattgefunden – sie ist geglückt. Ein schlechtes Omen?

Rückblick:  Es war an der Beerdigung der Dressurausbilderin Melissa Simms, die in Baden-Württemberg gut bekannt war. Sie leitete nach dem Tod des Reitmeisters eine zeitlang das Reitinstitut von Neindorff in Karlsruhe. Da trafen sich Daniela Martin und der Österreicher Micha Mauritz, abends saß man beim Wein und erzählte von alten Showreiter-Zeiten und sponn neue Ideen.

Ein Quadrillen-Weltrekord – das wäre es doch noch einmal. Das war vor etwa einem Jahr, im Sommer 2018. Daniela Martin gehört der Ostsee-Quadrille an, einer bundesweit bekannten Truppe von Showreitern aus dem hohen Norden.

Am nächsten Morgen wurde aus der Weinlaune ein konkreter Plan. Schnell war herausgefunden, wo die Messlatte liegt: 103 Pferde stehen als Rekord im Guiness-Buch. Das müsste zu schaffen sein, fanden sie. Sie schrieben alle bekannten Friesenreiter in Deutschland an, das Netzwerk vibrierte. Es meldeten sich immer mehr.

Jeder hat seine Position

Barbara Rennert-Pape entwickelte eine Choreographie, die quer durch Deutschland geschickt wurde. Jeder bekam seine Position, jeder seine Rolle in der großen Maschine. Alles wurde per Mail durchs Land und in die Ställe geschickt; in Mannheim trifft man sich zum ersten Mal persönlich. Aber es ist dennoch die Atmosphäre eines Wiedersehens.

Um kurz nach 17 Uhr tritt ein Friese nach dem anderem aus dem Stallzelt. Majestätisch. Der Abreiteplatz füllt sich. Micha Mauritz lässt die Truppe nicht aus den Augen. Die Reiterinnen und Reiter sind ernst; Späße macht jetzt keiner mehr, die Anspannung ist zu spüren.

Um 17.15 Uhr gibt Mauritz das Kommando, auf dem Abreiteplatz eine Formation zu bilden.  Das dauert etwa zehn Minuten, dann betritt das erste Pferd die Bahn. Daniela Martin steht auf dem Richterturm, sie muss in der Nähe der Rekordrichterin sein, um Fragen zu beantworten – falls welche auftauchen. Jetzt ist sie doch aufgeregt; ihre Schirmmütze hat sie abgenommen und knautscht sie in ihren Händen.

Die Rekordrichterin aus Antalya

Um 17.26 Uhr klickt es zum ersten Mal. Seyda Subasi-Gemicis Daumen bewegt sich im Takt der Pferde. Konzentriert zählt die sie akribisch jedes Pferd und speichert jedes in eine Zähluhr in ihrer Hand. Die adrette Frau trägt einen klassischen Blazer mit dem wichtigen Aufnäher am Revers: „Guiness World Records“. Seit zehn Jahren macht sie diesen Job. Etwa zehn Rekorde prüft sie pro Jahr, aber jeder dritte ungefähr gelingt nicht. Ihr spektakulärster Einsatz, sagt sie, fand in Südkorea statt, wo ein Fabrikant sein Fabrikgebäude mit 500 000 gebrauchten CD verkleiden ließ. Sie ist aus Antalya nach Mannheim geflogen, wo es ähnlich heiß ist wie in der Türkei.

Jedes Pferd wird einzeln mit Klick gezählt. Fünf Minuten dauert es, bis die 132 Friesen in der Bahn sind, einer nach dem anderen. Subasi nickt Daniela Martin zu. Das erste Kriterium ist erreicht: es sind genügend Pferde in der Bahn. Auch Sigrun Wittenborn nickt. Die FN-Wertungsrichterin aus Ketsch achtet an der Seite der Rekordrichterin auf  die ordnungsgemäße Ausrüstung und den Zustand der Pferde – geht es den Friesen nicht gut, würde der Rekordversuch abgebrochen. Aber alles sieht gut aus.

Zwei Minuten gehen die schwarzen Riesen im Schritt; Spannung liegt in der Luft, aber alles wirkt ruhig, fast genussvoll. Dann trabt die weltgrößte Quadrille an. „Horse with no name“ ertönt aus den Stadionlautsprechern, dann „Riders on the storm“. Die Pferde scheinen zu spüren, dass es jetzt darauf ankommt; auf sie ankommt. Konzentration liegt in der Luft. Jeder Tritt stimmt, langsam löst sich die Spannung auf. Sie hätten wohl zwei Stunden reiten können, so wirkt es jedenfalls. Jetzt genießen sie es nur noch.

Daniela Martin zieht ihre Mütze wieder auf und strahlt. Diesen Moment nimmt ihr keiner mehr. Seyda Subasi-Gemicis nickt ihr nochmal zu. Es ist geschafft.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Roland Kern

Fotos: Friederike Scheytt und Isa Fröhling

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