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Sonntag, 10.05.2020

Der Corona-Exit-Plan für Reitturniere

Er ist der Tag der Hoffnung, jener "Tag X", von dem derzeit in den Handlungsanweisungen der Reiterverbände oft die Rede ist. Gemeint ist der Termin, an dem wieder Reitturniere stattfinden können. Die Turnierreiter sehnen ihn herbei. Aber noch ist es nicht soweit, wie Baden-Württembergs Landeskommissions-Vorsitzender Frank Reutter (Foto: Knisel-Eberhardt) im Interview mit Reiterjournal-Redakteur Roland Kern betont. Sofort zulässig sind nach Ansicht der LK aber Trainingstage - ein erster Schritt zurück zur Normalität.


Herr Reutter, die Landeskommission hat Hinweise für Turnierveranstaltungen veröffentlicht, wo sehen Sie die gesetzliche Grundlage, dass wieder Turniere stattfinden dürfen?
Die gesetzliche Grundlage bilden die laufend überarbeitete Corona-Verordnung des Landes. Gemäß dieser Verordnung ist ab 11. Mai wieder der Reitbetrieb und das Training in Gruppen bis fünf  Personen je 1000 Quadratmeter Platzgröße erlaubt. Diese Festlegung entspricht zwar nicht den Handlungsempfehlungen der FN, lässt sich aber ebenfalls gut umsetzen. Gefährlich ist nun jedoch, dass in den einzelnen Bundesländern verschiedene Lockerungsregeln getroffen wurden, die leicht zu Verwechselungen und Verwirrung führen können. Turniere sind mit der aktuellen Verordnung noch nicht möglich. Aber wir wollen für diesen Tag X vorbereitet sein.

Wann kommt dieser Tag Ihrer Einschätzung nach? 
Die aktuelle Corona-Verordnung stuft "Zuschauer bei Sportveranstaltungen“ in der Kategorie „Derzeit nicht abschätzbar“ ein. Für „Sportveranstaltungen ohne Zuschauer“ sind aktuell noch keine Regelungen vorhanden sind. Wir haben die Hoffnung, dass dies mit der vorherigen Stufe ab Pfingsten möglich wird.
Dies ist aber zunächst eine Hoffnung, da in dieser Stufe auch Fitnessstudios, Tanzschulen, Kletterhallen, Indoorsporthallen und Indoorspielplätze wieder öffnen sollen und auch die Gastronomie den Betrieb wieder aufgenommen hat. Momentan sind aber bisher genehmigte Turniere ohnehin erst am dem Wochenende 13./14. Juni noch in der Veranstaltungsliste. Alle Veranstalter bis dahin haben die Veranstalter von sich aus abgesagt und neue Veranstaltungen sind zu früheren Terminen bislang nicht angemeldet oder angefragt. Entscheidend werden sicher die kommenden Tage sein, wenn dann der weitere „Feinschliff“ bei der Politik an der Corona-Verordnung erfolgt.
 
Aber alles ohne Zuschauer, versteht sich?
Zurzeit darf es selbst beim Reitunterricht und im Training keine Zuschauer geben, um die Personenkontakte klein zu halten. Von Turnieren mit Zuschauern sind wir momentan noch ein gutes Stück entfernt. Der „Fahrplan zur schrittweisen Lockerung der Corona-Beschränkungen“ der Landesregierung sieht „Zuschauer bei Sportveranstaltungen“ in der Kategorie „Derzeit nicht abschätzbar“ vor.

Eintägig oder mehrtägig?
Wenn Turniere wieder stattfinden dürfen, wird es, sofern die dann geltenden Hygiene- und Abstandsvorschriften eingehalten werden können, vermutlich keinen Unterschied machen, ob dies eintägig oder mehrtägig erfolgt.

Die Hinweise der FN sind unter „besonderer Berücksichtigung des Infektionsschutzes“ zu verstehen, also mit einer Fülle von Vorschriften. Sind die Ihrer Ansicht nach für die Veranstalter machbar?
Es handelt sich um Handlungsempfehlungen und Lösungsmöglichkeiten, die ich als Basis für Verhandlungen und Besprechungen der möglichen Veranstalter mit den örtlichen Behörden sehe. Die momentane Fülle der Handlungsempfehlungen sehe ich nur für wenige Veranstalter als machbar an. Hier bleibt zu hoffen, dass mit den weiteren Corona-Lockerungen Abstriche gemacht werden können.

Was ist Ihrer Ansicht nach besonders schwierig umsetzbar?
Es sind nicht die einzelnen Punkte, die es schwierig werden lassen, sondern die Fülle an Punkten, die beim Veranstalter als zusätzlicher Aufwand aufschlagen und klassische Einnahmequellen durch Zuschauer und Gastronomie gleichzeitig verhindern.

Sie betonen immer wieder, dass die Abstimmung mit den örtlichen Ordnungsämtern wichtig ist. Wie kann die LK dabei helfen? Welche Argumentationshilfen können Sie bieten? In einigen Ordnungsämtern werden Sportveranstaltungen noch kategorisch abgelehnt.
Wir werden Veranstalter, die sich auf unseren Aufruf hin melden und auch unter Corona-Auflagen bereit sind Turnierveranstaltungen durchzuführen beraten und wenn sie möchten, bei den Ordnungsämtern unterstützen.

Wenn Veranstalter nun so bald wie möglich ein Turnier veranstalten wollen, wie schnell geht das? Wie kann die LK bei der Beschleunigung helfen?
Wir haben bereits die Fristen zur Ausschreibungsabgabe auf ein Minimum reduziert und vorrübergehend die normale Veröffentlichung im Reiterjournal ausgesetzt. Hier wird es situationsabhängig Sonderwege und Online-Lösungen geben, um Ausschreibungsänderungen bis kurz vor Nennungsschluss zu ermöglichen. Ich gehe davon aus, dass wir mit einem Minimalvorlauf von 14 Tagen und einem Nennungsschluss von sieben  oder fünf Tagen, bei entsprechender vorheriger Genehmigung durch die örtlichen Behörden, mit dem Turniersport beginnen könnten.

Die Vereine sind im Moment noch eher zurückhaltend, wie können Sie die Veranstalter  motivieren?
Wir haben einige Erleichterungen und Ausnahmen auf den Weg gebracht, die die Ausgabenseite für den Veranstaltern im Sportbereich reduzieren lässt und die Einnahmeseite erhöht. Zugegebenermaßen ist zurzeit zur Motivation dann aber noch eine gute Portion Sportbegeisterung und Enthusiasmus beim Veranstalter erforderlich, wenn er die noch vorhandenen „hohen Hindernisse“ überwinden will. Es wird aber so sein, dass jede gelungene Genehmigung eines Veranstalters die Arbeit des nächsten Veranstalters erleichtert und quasi als Vorlage genutzt werden kann. Hier müssen die Veranstalter mit der Landeskommission in einen regen Austausch eintreten.

Welche Spielräume gibt es bei Nenngeld und Preisgeld, damit der Veranstalter seine Wirtschaftlichkeit verbessern kann?
Bereits Ende März hat die LK Sofortmaßnahmen für die Saison 2020 beschlossen um die Veranstalter zu entlasten. So kann zum Beispiel bis zur Kl.S* auf die Auszahlung von Preisgelder ganz oder teilweise verzichtet werden. Auf die Erhebung einiger Gebühren für Absage und Verschiebung wurde ebenfalls verzichtet. Das Nenngeld kann wie schon im vorherigen Jahr um bis zu 5 Euro je Startplatz erhöht werden. Zusätzlich kann seit 1. Januar noch jeweils bis zu 1,50 Euro für die humanmedizinische Versorgung und bis zu 1,50 Euro für die tierärztliche Versorgung erhoben werden. Der Veranstalter kann somit das Nenngeld je Startplatz um bis zu 8 Euro erhöhen und so seine Zusatzkosten abfedern.

Glauben Sie, dass jetzt doch mehr Vereine den Mut haben für Veranstaltungen?
Ich hoffe, dass der ein oder andere Veranstalter, der über eine entsprechende Reitanlage verfügt, die die Erfüllung der Auflagen ermöglichen würde, hier anspringt. Für die breite Masse der Veranstalter bin ich mit den momentanen Auflagen jedoch eher skeptisch.

Im Moment dürfen aber Trainingstage stattfinden, auch diese müssen bei der LK angemeldet werden, oder?
Ja, auch diese Trainingsveranstaltungen müssen gemäß Paragraf 5 der Besonderen Bestimmungen, schon aus versicherungstechnischen Gründen, bei der Landeskommission angemeldet werden.


Da diese Trainingsveranstaltungen in den letzten Jahren nahezu nicht stattgefunden haben, zitieren wir den Paragraf 5 der Besonderen Bestimmungen an dieser Stelle:


§ 5    Trainingsveranstaltungen
Trainingsveranstaltungen dienen der Ausbildung von Teilnehmern und Pferden. Sie sind der LKBW 14 Tage vor dem Durchführungstermin anzuzeigen. Die Anzeige ist gebührenfrei. Dem Veranstalter wird empfohlen, einen qualifizierten Ausbilder zwecks Aufsicht einzusetzen. Es dürfen keine Platzierungen oder Rangierungen vorgenommen werden. Ein Reiten gegen die Uhr sowie die Vergabe von Geld- und Ehrenpreisen ist nicht zulässig.


Auch die jetzt angekündigte „Heiligkreuztal-Challenge“ ist ein Trainingstag, oder?
Der bisherige telefonische Kontakt zu dieser Veranstaltung sieht das so vor. Es handelt sich um ein organisiertes Training unter Einhaltung der Corona-Verordnung ohne Zuschauer.

Was ist der wesentliche Unterschied zu einem Turnier? Wozu raten Sie eher?
Diese Trainingsveranstaltung ist momentan die einzige Veranstaltungsform, die sich mit der aktuellen Corona-Verordnung in Einklang bringen lässt. Es gibt selbstverständlich keine Ausschreibung, keine Bewertung, keine Rangierung und keine Platzierung für die Erfolgsanrechnung.

Noch ein paar Detailfragen: Muss das Turniergelände abgegrenzt werden, zum Beispiel mit Bauzäunen?
Ich gehe nicht davon aus, dass diese Forderung kommen wird. Eventuell gibt es solche Absperrungen teilweise im Zugangsbereich zur Erfassung der kommenden und gehenden Personen.

Wie kann man sich einen Richterturm oder ein Richterhäuschen bei der Dressur vorstellen? Da sitzt man normalerweise eng zusammen?
Man wird, wie in den Läden ja schon praktiziert, entsprechende Lösungen zur Wahrung des Mindestabstandes finden. Räumliche Trennung mit Sprechverbindung oder Plexiglasabtrennungen sind hier vorstellbar.

Wie viele Personen pro Pferd dürfen dann aufs Turnier?
Das kann man so pauschal nicht sagen, da auch hier die Handlungsempfehlungen der FN und die Corona-Verordnung des Landes unterschiedlich ausfallen könnten. Sollte es tatsächlich „Geisterturniere“ ohne Zuschauer geben, so wird momentan gehandelt, dass je Pferd noch eine Begleitperson mitkommen darf. Dies würde dann auch bei der Anreise ermöglichen, dass maximal zwei Personen im Fahrzeug sitzen und dies leicht überwacht werden könnte.

Darf es wenigstens für die Teilnehmer eine Bewirtung geben?
Da die Gastronomie jetzt auch wieder schrittweise öffnen darf, könnte ich mir vorstellen, dass zum Beispiel eine Getränke- und Speiseausgabe vor Ort für die Teilnehmer „To Go“ möglich sein wird. Aber auch hierzu haben die Behörden vor Ort das letzte Wort.

Müssen Masken getragen werden? Sicherlich nicht beim Reiten, oder?
Ich gehe davon aus, dass Masken nur im Rahmen der Vorgaben der Corona-Verordnung getragen werden müssen. Eine Verschärfung der Maskenpflicht für Sportveranstaltungen kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht kommt dies jedoch übergangsweise auf die Zuschauer zu, wenn irgendwann auch wieder Zuschauer zugelassen werden.

Gelten die Platzierungen ganz offiziell?
Wenn Turnierveranstaltungen wieder stattfinden und regulär nach den Vorgaben der LPO durchgeführt werden können, dann werden diese Platzierungen auch offiziell anerkannt.

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