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Samstag, 25.04.2020

„Ab 4. Mai eine Perspektive für den Sport“

Anfang der Woche hat sich erstmals in der Corona-Krise der baden-württembergische Landesverbandspräsident Gerhard Ziegler zu Wort gemeldet und einen „Brandbrief“ im Interesse der Reiter an die baden-württembergische Kultusministerin geschrieben – bislang ohne Antwort. Aber bleibt dran, verspricht er im Interview mit Reiterjournal-Redakteur Roland Kern  

Herr Ziegler, Sie haben am Montag der Kultusministerin einen Brief geschrieben und die Situation des Pferdesports im Land eindrücklich geschildert. Haben Sie schon eine Reaktion bekommen?

Durch die Corona-Krise sind wir derzeit in einer außerordentlich schwierigen Situation. Die Bundesregierung hat Beschränkungen erlassen, die von uns allen einzuhalten sind. Aus diesem Grund habe ich es für richtig gehalten, dass in einem ersten Schritt der DOSB in Zusammenarbeit mit unserer FN den engen Kontakt zur Politik sucht. Ich habe es deshalb nicht als zielführend erachtet, dass einzelne Sportverbände und damit auch Landesverbände die Politik ansprechen. In dem Moment, in welchem zu erkennen war, dass die Landespolitik doch Möglichkeiten der Auslegung der Regulierungen hat, habe ich sofort an unsere Kultusministerin Susanne Eisenmann geschrieben.

Man hört, der Informationsaustausch zwischen den Fachverbänden – zumindest in Baden-Württemberg – und den Ministerien war in den letzten Wochen nicht gerade ergiebig, stimmt das?

Ein Austausch zwischen den einzelnen Fachverbänden auf Landesebene hat nicht stattgefunden. Hier hätte ich mir vom Landessportverband Baden-Württemberg in der Tat mehr Initiative erwünscht.

Wann rechnen Sie mit einer Lockerung, die offiziell die Reitervereine und Betriebe wieder öffnen lässt?

Ich glaube, in die Angelegenheit kommt nun Bewegung, was den Wiederbeginn des Sports betrifft. Die Spitzenverbände sind bereits vom DOSB gebeten worden, ein Positionspapier zu Maßnahmen zur Wiederaufnahme des Sports an den DOSB zu verschicken. Dies ist geschehen und am 20. April fand eine Sportminister -Konferenz statt. Wir hoffen, dass eventuell ab 4. Mai eine Perspektive zur Wiederaufnahme des Sports besteht. Einigkeit besteht aber auch darüber, auf Sicht zu fahren und in dem von der Politik allgemein vorgegebenen Rhythmus alle 14 Tage die Situation neu zu bewerten und neue gezielte Schritte der Öffnung vorzutragen.

Reiten war und ist bislang – zumindest laut den Corona-Verordnungen des Landes – nur eingeschränkt möglich, konnten Sie das nachvollziehen?  Beim Reiten ist doch nachweislich kein enger Kontakt unter Menschen möglich?

Wie wir alle noch in Erinnerung haben, wurde in einer ersten Phase grundsätzlich jegliche Art von Sport verboten. Dem mussten wir Reiter uns ebenfalls unterordnen. Lediglich durch die Bestimmungen des Tierschutzgesetzes war es uns erlaubt, unsere Pferde in angemessenem Umfang zu bewegen. Dass wir vom Pferdesportverband darüber eine andere Meinung haben, werden Sie sicher nachvollziehen können. Allerdings haben wir keine Chance gesehen, gegen dieses allgemeine Verbot in einer ersten Phase vorzugehen.

Die Verbände, auch die FN, haben die strikte Haltung der Gesetzgeber weitgehend mitgetragen, warum?

Wir haben als Pferdesportverband Baden-Württemberg aus nachvollziehbaren und verantwortungsvollen Gründen die Beschränkungen in vollem Umfang mit getragen und in unserem Bereich verantwortungsbewusst umgesetzt. Dass der Sport in schwierigen Zeiten Solidarität zeigen und leben musste, war für uns ein zentrales Fundament für ein verantwortungsvolles Miteinander.

Irgendwie hatte man den Eindruck, dass die Reiter in den Corona-Regeln – unberechtigt – nicht anders behandelt werden als andere Sportler. Offenbar wollten sich die Regierungen nicht intensiver mit den Sorgen und Nöten der Reiter beschäftigen. Täuscht dieser Eindruck?

Wie bereits ausgeführt, wollten sich die Regierungen nicht intensiv mit den Sorgen und Nöten einzelner Sportarten beschäftigen. Dabei wurden die Reiter nicht besser oder schlechter behandelt als andere Sportarten. Eine Bewegung, auch für die Reiter, kam erst zutage, als für den Profibereich Ausnahmeregelungen zugelassen wurden. Davon hat auch der Reitsport in vollem Umfang profitiert.

Waren die letzten Wochen nicht auch ein Beleg dafür, dass die Reiter in der Politik keine Lobby haben?

Dass die Reiter in der Politik eine schlechte Lobby haben, glaube ich nicht. Außer dem Bereich des Profisports wurden bis dato alle Sportarten gleich behandelt und ich glaube wir als Pferdesport haben eine sehr gute Lobby – sowohl auf Bundes- wie auch auf Landesebene.

Wie konnte und kann der Landes-Verband Vereinen und Betrieben helfen, die in Existenznot gekommen sind?

Der Pferdesportverband Baden-Württemberg erhält täglich vielfältige Anfragen unserer Vereine, wie mit den Folgen des Coronavirus umgegangen werden muss. Dabei besteht ein sehr hoher Beratungsbedarf seitens unserer Geschäftsstelle. Wir versuchen, auch mit den Empfehlungen unserer FN in Warendorf, die in diesem Bereich einen sehr guten Job macht, den Fragen gerecht zu werden. Bei den Existenznöten unserer Vereine können wir nur auf die allgemein gültigen Möglichkeiten durch die Politik hinweisen und beratend zur Seite stehen. Die Landeskommission hat für die Turnierveranstalter sofort mit Gebührenermäßigungen und weiteren Erleichterungen reagiert.

Der Landesverband wird selbst vielleicht Hilfe brauchen. Wie groß sind die wirtschaftlichen Folgen für den Verband? Und wie gehen Sie mit der Situation um? Sehen Sie Finanzierungsmöglichkeiten oder brauchen Sie weitere Beitragserhöhungen?

Rückblickend können wir sehr froh sein, dass wir in den vergangenen Jahren sehr sparsam gewirtschaftet und damit eine gute Liquidität erarbeitet haben. Darüber bin ich persönlich sehr froh, denn wir erinnern uns über viele Diskussionen bei den Delegiertenversammlungen, in denen Vereine Rückzahlungen eingefordert haben. Auch darf ich an die schwierige Diskussion bei der letztjährigen Delegiertenversammlung erinnern, als es um Beitragserhöhungen ging. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar, dass wir die Erhöhungen zu diesem Zeitpunkt durchsetzen konnten. Heute wäre dies nicht mehr möglich und ich wage nicht zu beurteilen, wie der Landesverband ohne diese Beitragsanpassungen überleben könnte. Selbstverständlich schöpfen wir alle Möglichkeiten der Optimierung unseres Haushaltes aus. Die Genehmigungsgebühren der Turnierveranstalter – ein für uns sehr wichtiger Umsatz - sind sehr stark zurückgegangen, so dass der Landesverband in 2020 nach vorläufigem Haushaltsplan mit einen Verlust von rund Euro 200.000,00 rechnet. Da die Genehmigungsgebühren Stand heute eher noch weiter sinken werden, da wir immer noch nicht wissen, wann konkret die Turniere wieder beginnen, wird der Verlust eher noch höher ausfallen. Durch die Sparmaßnahmen in den vergangenen Jahren wird dies der Landesverband aber überstehen.

Die Reitbetriebe sind eine Sache, die Veranstaltungen eine andere: Was glauben Sie, wann in Baden-Württemberg wieder Turniere stattfinden können?  Und wie könnten die dann aussehen?

Mit der Lockerung der ursprünglichen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus erfolgt ein schrittweiser Wiedereinstieg in den Turniersport, angepasst an den jeweils aktuellen Sachstand der behördlichen Vorschriften. Für die Durchführung von Veranstaltungen sind die Vorgaben der Bundesregierung, der Bundesländer sowie der Kommunen und Landeskommissionen zuständig. Derzeit sind für Turnierveranstalter folgende Szenarien denkbar: Durchführung eines langfristig geplanten Turniers, dessen Ausschreibung und Ablauf auf die aktuelle Situation angepasst wird, eine Terminverschiebung und Ausschreibungsänderung eines langfristig geplanten Turniers, gegebenenfalls auch kurzfristig Planung eines Late-Entry-Turniers mit Angebot für spezielle Zielgruppen, gegebenenfalls auch kurzfristig. Denkbar sind dabei auch Kooperationen zwischen Vereinen und privaten Reitanlagen. Bei all den Veranstaltungen müssen aber die allgemeinen besonderen Hygienemaßnahmen sicher eingehalten werden. Wann es genau wieder losgehen kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Von Turnierveranstaltern wissen wir, dass die Kommunen bis einschließlich Ende August 2020 jegliche Art von Gastronomie auf den Turnieren untersagt haben. Hier können wir nur hoffen, dass dieser Termin nach vorne gezogen wird und Turniere unter den Einhaltungen der dann jeweils gültigen Bestimmungen durchgeführt werden können.

Wie lange wird der Pferdesport brauchen, um sich von der Krise zu erholen?

Grundsätzlich bin ich ein sehr optimistischer Mensch und hoffe deshalb, dass die Beschränkungen baldmöglichst gelockert werden. Davon wird abhängen, wie lange der Pferdesport brauchen wird, um sich von den Auswirkungen zu erholen. Bedingt durch den Coronavirus werden sicher viele Reitvereine in 2020 negative Zahlen schreiben müssen, ebenso wie der Landesverband und auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung. Auch wenn dies für den einen oder anderen nicht existenzbedrohend sein wird, so werden wir doch Jahre brauchen, um wieder auf den Stand vor dem Coronavirus zu kommen.

Falls von der Kultusministerin keine Antwort kommt, haken Sie nach?

Ich werde mir erlauben, in der kommenden Woche auf unsere Kultusministerin zuzugehen, sofern ich bis dahin noch keine Antwort erhalten habe.

 

 

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