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Montag, 22.02.2021

Tierarzt Dr. Stihl lebt nicht mehr

Seinen 80. Geburtstag vor drei Jahren hat er in Baden-Württemberg gefeiert, in Walldorf bei seinem Freund, dem Dressurausbilder Christoph Niemann. Jetzt ist Dr. Hans-Georg Stihl nach kurzem Krankenhausaufenthalt in der Schweiz im Alter von 83 Jahren gestorben. Er war vielleicht der beste Tierarzt aller Zeiten, aber auch ein Mann, an dem sich die Geister schieden.

Als Tierarzt  besuchte Stihl noch wenige Monate vor seinem Tod die wichtigsten Turnierställe der Republik; die führenden Reiter der Republik schwörten auf ihn. Seine Diagnosefähigkeiten waren legendär. Wenn andere Veterinäre mit ihrem Latein am Ende waren, fiel dem Schweizer mit dem kompakten Körperbau immer noch etwas ein. Die Pferdebeine waren sein Spezialgebiet, Lahmheiten konnte er innerhalb kurzer Zeit brillant analysieren. Pro Tag fuhr er mit seinem Wagen oft mehr als 1000 Kilometer, um alle seine Patienten zu besuchen. Manchmal arbeitete er die Nächte durch, fuhr nachts um zwei Uhr vor und schlief nur ein paar Stunden im Auto, dann ging es weiter.

Hans Stihl, dessen Faible dem Turfsport gehörte, war seiner Zeit voraus, obwohl seine Therapien eher konservativ ausgelegt waren. Teure Geräte mochte er nicht; lieber genau hinsehen. Stihl machte sehr früh eine moderne umfassende Sportpferdebetreuung – er hat sie quasi erfunden. Weil dies immer mehr zur Gratwanderung geworden ist, war er immer wieder auch in Doping- und Medikationsfälle verwickelt. Das hat seinen besonderen Ruf nur noch weiter getragen. Wenn andere einen guten Tierarzt brauchten, brauchte er einen guten Anwalt.

„Wenn er einmal ein Pferd behandelt hat, hat er es nie vergessen“, bescheinigt Christoph Niemann. Die beiden lernten sich vor fast 50 Jahren kennen, als Niemann Lehrling am Stall Klimke in Münster war. Dr. Reiner Klimke gehörte damals zu den ersten, der den „Zauberer“ aus der Schweiz zu seinen Pferden holte. Zwischen Niemann und Stihl war eine Freundschaft gewachsen. „Einer der besten Tierärzte hat uns verlassen“, schreibt der baden-württembergische Dressurreiter-Landestrainer auf Facebook. Und schmunzelnd zitiert er einen Lieblingssatz des Veterinärs: „Jetzt musst Du es mal mit Reiten versuchen.“ In Baden-Württemberg trägt der Heidelberger Tierarzt Marco Müller-Dörr, Stihls Schüler, die Lehre des alten Herrn weiter.

Was nicht viele wussten: Hans Stihls Hobby waren Modelleisenbahnen. In seinem Haus in der Schweiz ist eine riesige Schienenanlage aufgebaut. Sie wurde zur Endstation eines Mannes, der Olympasieger und Weltmeister gemacht hat (rok/Foto: privat).

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