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Dienstag, 06.03.2018

Fritz Stahlecker lebt nicht mehr


Der große Hippologe, Dressur-Ausbildungsrebell, Künstler und Erfinder Fritz Stahlecker  ist am 2. März in Bad Überkingen wenige Wochen vor seinem 93. Geburtstag verstorben. Er war einer der profiliertesten aber auch streitbarsten Experten und Reitsport-Persönlichkeiten des Landes und der ganzen Republik.

Wenige Menschen haben sich solche tiefgründige Gedanken gemacht um das Leben und die Pferde wie der gelernte Maschinenbauingenieur aus dem Landkreis Göppingen, vielleicht ging er auch deshalb in den letzten Jahren so gramgebeugt.  Als trage er so  manche Fehlentwicklung im Dressursport, die er angeprangert hat und doch nicht verhindern konnte,  auf seinen  Schultern.  Aber die Augen blitzten noch, wenn er von den Pferden erzählte, die er mit seiner Hand-Sattel-Hand-Methode schulte,  motivierte  und verschönerte – in diesem Sinne verstand Fritz Stahlecker seine Ausbildung, die früh vom Boden aus begann und auch während der weiteren Ausbildung zum Grand Prix immer wieder mit Handarbeit ergänzt wurde. Stahlecker war ein Überzeugungstäter, der das Reitervolk – zumal der Berufsreiter – spalten konnte. Er provozierte gerne und anzuecken bescherte ihm eine gewisse Genugtuung. Für manche war er Guru,  für andere Scharlatan. In jedem Fall war er ein Pferde-Philosoph und ein Vordenker.

„Dressurarbeit“ – diesen Begriff mochte er zum Beispiel gar nicht. „Man würde einen Pianisten beleidigen, wenn man sagt, er bearbeite sein en Flügel“, pflegte er zu sagen. Dressurausbildung war für den  ambitionierten Hobby-Maler  und Autodidakten eine Kunst, eher ein Geschenk der Natur. Entsprechend verantwortungsvoll müsse  der Reiter mit seinem Pferd umgehen, forderte er.

Fritz Stahlecker wäre ein belächelter  Pferde-Gutmensch geblieben, wenn er nicht immer wieder beachtliche sportliche Erfolge hervorgebracht hätte. In den 70er Jahren brachte er seine Tochter Ulrike mit dem Wallach Miro in die deutsche Spitze der Nachwuchsreiter.  Knapp 20 Jahre später bildeten beide gemeinsam den Fuchshengst Weyden aus, den Sven Rothenberger für die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta kaufte.  Im vergangenen Jahr war es seine Enkeltochter Alexandra Stadelmayer,  die als erste Baden-Württembergerin überhaupt zum dritten Mal hintereinander in der Großen Tour des Stuttgart German Masters antrat. Auch ihr Hengst Lord Lichtenstein ist nach der Stahlecker-Methode ausgebildet, die ihre Alexandras Mutter Ulrike – etwas angepasst – fortgesetzt hat. Außerdem hat er mehrere Bücher über seine Methode veröffentlicht.

Mit Fritz Stahlecker ein Gespräch zu führen, war ein intellektueller Gewinn für jeden, der auf ihn eingehen wollte. Er war ungemein gebildet, kunstsinnig, mitunter ein Romantiker, dann wieder ein „harter Knochen“. Über die alten Meister der Feder konnte er ebenso stundenlang plaudern wie über jene des Reitens. Und doch war er auch ein Zweifler und Haderer. Bis ganz zum Schluss hat er sich Gewissensbisse über einige seiner Erfindungen gemacht, die ihm als jungen Ingenieur und Unternehmer zu Wohlstand verholfen hatten.  Unter anderem hatte er Spindeln für die Web- und Textilindustrie entwickelt, die wesentlich zur Rationalisierung in der Produktion und damit zum Verlust von Arbeitsplätzen beigetragen haben. Auch daran hat er als alter Mann eine Last getragen.  

Die Pferdeleute im Land sollten sich oft an diesen Fritz Stahlecker erinnern – und daran, wie er die Dressurausbildung zur Kunst erhob. Er ruhe in Frieden! (rok)

Foto: D. Matthaes

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