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Samstag, 11.08.2018

Der wunderbare Aufstieg des Moritz Treffinger


Seine Kontrahenten sind Berufsreiter- oder Unternehmerkinder, ihre Ponys meistens Kassenschränke auf vier Beinen. Vor diesem Hintergrund ist der Triumph des baden-württembergischen Ponyreiters Moritz Treffinger bei den Pony-Europameisterschaften in Bishop Burton/GBR eine Sensation – und doch auch die beruhigende Botschaft, dass man es mit Sachverstand und Engagement in diesem Sport weit bringen kann.

Treffinger, 15-jähriger Gymnasiast aus Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe, war ganz maßgeblich an der Mannschafts-Goldmedaille des deutschen Teams am Donnerstag beteiligt und hat am Samstag auf seiner Top Queen das erste Einzelgold in der FEI-Pflicht geholt, am Sonntagvormittag ist wohl das „Kür-Gold“ an der Reihe. Dann ist Moritz Treffinger der erfolgreichste baden-württembergische Ponyreiter aller Zeiten.

Diesem Siegeszug wohnt ein besonderer Zauber inne, weil das Geld, das den Turniersport dominiert, hier einmal kaum eine Rolle gespielt hat. Die Treffingers halten ihre Pferde in einem kleinen Stall, es ist eigentlich mehr eine Scheune mit Boxen. Sie haben keine eigene Halle. Vater Stefan, Zimmerermeister, füttert morgens, bevor er mit seinen Mitarbeitern auf die Baustelle fährt. Mutter Santina bereitet die Pferde vor, damit Moritz nach der (ungeliebten) Schule den Rücken frei hat zum Reiten. Bruder Henry ist Fußballtorwart und findet Pferde so naja.

Die Stute Top Queen kam vor drei Jahren eher als Versuchspferd in den Stall – ob sie wirklich reitbar war, sollte sich erst später herausstellen. Das Erfolgsrezept besteht aus dieser familiären Harmonie, die dem Europameister viel Selbstvertrauen gibt, aus einem begnadeten reiterlichen Talent, viel Pferdeverstand und dem Gespür für das richtige Netzwerk, wobei der kleine Reiterverein Oberderdingen hierfür ein Paradebeispiel ist. Friedhelm Henning entdeckte einst die bunte Stute, Frank und Andrea Kunzmann hatten zuvor den charmanten Buben mit Ponys versorgt. Der Durchbruch hat zweifellos auch damit zu tun, dass Katrin Burger und Joachim Neubert im vergangenen Jahr auf den Deuererschen Erdbeerhof bei Bruchsal gezogen sind; bei den beiden Ausbildern hat Moritz Treffinger weitere Sicherheit im Sattel erlangt. Die Trainer halten viel von ihrem Schüler; das macht ihn stark.

So ist der Euro-Triumph des Ponystars aus der badischen Provinz die Geschichte einer Familie, die den Sinn des Pferdesports verstanden hat. Die mit ihren Pferden lebt, leidet und jubiliert. Eine Geschichte, die allen Mut macht, die sich den Erfolg nicht kaufen können.

Wenn „Topsi“ Top Queen Ende des Jahres zum Verkauf steht, weil Treffingers Ponyzeit mit der Krönung der EM-Titel zu Ende gegangen ist, dann besitzt sie den Wert einer Eigentumswohnung. Dann verdienen die Treffingers Geld, zum ersten Mal, seit sie mit Pferden zu tun haben. Bislang haben sie draufgelegt.

Wahrscheinlich wird Moritz Treffinger nach dem Abitur eine Bereiterlehre beginnen. Hoffentlich tut er das! Denn er vereint die besten Eigenschaften eines Berufsreiters in sich: Talent, Fleiß, Leidenschaft und immer das Bewusstsein, wie sehr Pferde sein Leben bereichert haben (rok).

 

 

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